Da bin ich wieder. Keine Fotos heute – oder doch, eins von gestern Abend. Ich kam erst sehr spät (es dunkelte schon) dazu, den Serverschrank zu fotografieren. Wollte ich heute noch mal bei Tageslicht, wieder nicht dazu gekommen
Heute Vormittag langes Telefonat mit der Pfarrerin, die den Trauergottesdienst macht, über das Leben meiner Mutter. Vorab hatte ich ihr gestern Nachmittag ihre Biographie mit wesentlichen Lebensstationen und Ereignissen in einer zweieinhalbseitigen E-Mail geschildert, damit sie beim Gespräch schon ein Bild hat. Fotos hatte ich ihr auch angehängt. Beim Gespräch bestätigte sie, dass sie alles gelesen hat. Und meinte dann, ihr fehlen ein bißchen die Worte, aufgrund der schweren Schicksalsschläge, die ich in der Mail erwähnt hatte.
Ich bin im Kopf einfach strikt biographisch vorgegangen, angefangen bei der Geburt, und dass sie ein absolutes Wunschkind ihrer Eltern war, das sich erst nach sieben Jahre Ehe einstellte. Das waren anfangs noch ganz schöne Erzählungen. Auch, dass mein Vater, dem gegenüber sie sich erst mal aus Prinzip etwas störrisch zeigte (weil er Musiker war in einer Swingcombo, und der Berufsgruppe in ihren Augen ein windiger Ruf vorauseilte), sie bei jedem Rendezvous mit einer Tafel Lindt-Schokolade becircte, jedes mal einer anderen Sorte. Dass es überhaupt zu den vielen Rendzvous kam, lag wohl an der Verliebtheit meiner Mutter, gegen die sie sich einfach nicht wehren konnte.
Auf jeden Fall ist die zweite Lebenshälfte sehr stark von den Verlusten meines Bruders und ihrem ersten Enkel geprägt gewesen. Über Krankheiten werde ich mich nicht ausbreiten, aber da war ab dem sechzigsten Lebensjahr einiges im Angebot. Also ein tiefes Gespräch mit der Pfarrerin.
Sie klagte mir u. a. ihre Betrübnis darüber, dass in der Gemeinde, wo die Trauerfeier stattfindet, von "der Gemeinde aus" (also der Verwaltung), eine Auflage besteht, dass Trauerfeiern in der Aussegnungshalle (oder wie sich dieser Raum auch immer nennt, wo das stattfindet) in zwanzig Minuten abgehandelt werden müssen. Das würde sie so strikt und geizig begrenzt von anderen Gemeinden, in denen sie tätig war, nicht kennen. "Ich weiß gar nicht, wo das alles noch hinführen soll!" wetterte sie.
Manche Familien buchen wohl deshalb ein doppeltes Zeitfenster. Hat mir niemand davon erzählt. Aber wie auch immer - vierzig Minuten schiene mir dann auch wieder lang. Und ich habe den letzten Termin, da kann man keine Einheit dran hängen, ist aber auch so nach hinten nicht sehr tolerant, höchstens 5 Minuten Kulanz.
Wir haben und drauf geeinigt, dass sie ihre Predigt mit allem gesprochenen Wort auf 7 Minuten beschränkt, so als Orientierungsmarke für mich, weil ich unbedingt in der Trauerfeierhalle oder wie dieser gottverdammte Saal heißt, die vier von mir gewählten Musikstücke drin haben will. Also muss ich zusehen, dass ich die auf 13 Minuten einkürze.
Jetzt ist die Dauer 15 Minuten und 35 Sekunden, ich kürze also gut zweieinhalb Minuten, wahrscheinlich bei der Callas Arie, da ist im letzten Drittel eine Stelle, wo das musikdramaturgisch und vom Takt her passt. Also da könnte die Arie auch zu Ende sein, wenn das Orchester und Maria nicht nochmal anheben würden.
Ich muss es noch mal kritisch durchhören. Wenn es mir doch unstatthaft vorkommt, müssen bei Morning of my Life ein paar Takte dran glauben. Ist ja eh der "Auszug der Urne". Da gibt es keine Vorgabe mehr, festgetackert auf dem Stuhl zu sitzen und bis zum letzten Takt zu hören. Eher Begleitmusik für den Aufbruch.
Das Lied hat ja auch Aufbruchstimmung, atmosphärisch. Ich habe das alles schon mit viel Bedacht und Hingabe gewählt. Was mir die Pfarrerin bestätigt hat. Sie meinte, das gäbe es nicht so oft, dass sich da jemand so viele Gedanken darum macht wie ich, mit dieser Liebe zu jedem Detail. Ist ja auch nicht so eine alljährlich wiederkehrende Sache wie Ostern oder Weihnachten, dass man seine Mutter zu Grabe trägt. (Hallo?)
Außerdem hab ich heute die Trauerpost eingetütet. Den Partezettel. Sagen wohl nur die Österreicher, ist mir aber näher als "Todesanzeige" Oder "Einladung zur Beerdigung". Oder wie immer das auch hierzulande heißt. Unter "Todesanzeige" verstehe ich so ein schwarz umrandetes Viereck in der Zeitung, wo der Name, Geburts- und Sterbedatum steht, ein Sinnspruch und wer die Hinterbliebenen sind und wo und wann die Beisetzung stattfindet. Und dann steht da meistens noch "anstatt Blumenspenden bitten wir um Spenden auf das Konto soundso für Hamster in Not" (o. ä.).
Bis auf das Letzte, steht das auch alles, was ich aufgeführt habe, auf dem von mir selbstgestrickten Partezettel für meine Mama. Ich habe aber auch noch eine Fotocollage auf der linken Seite gemacht und ein Zitat gibt es auf der Rückseite. Kann man so aufblättern wie eine Klappkarte. Ich bin jedes mal hingerissen, wenn ich das Zitat lese. Weil es so passt und so erhebend ist. Erzähle ich bei kommender Gelegenheit. Aber heute nicht mehr.
Ich stoß noch einmal mit mir an, was ich heute alles geschafft habe. Und zuguterletzt noch mit dem früheren Nachbarn meiner Mama telefoniert, der hatte auch Kontakttelefonnummern für mich. Eine war eine alte Freundin meiner Mutter, die ich auch immer sehr mochte. Die auch gleich noch vorhin spätabends angerufen. Wir haben uns richtig verquatscht.
Sie hatte sie mit ihrem Mann sogar vor acht Wochen noch mal besucht. Ich dachte, sie hätten sich aus den Augen verloren. War schön zu hören. Sie meinte "Karin wirkte richtig munter." Das war dann kurz vor ihrem Zusammenbruch Ende Mai. Also hatten sie einen schönen letzten Besuch bei ihr. Morgen muss ich Briefmarken kaufen, dann geht die Post ab.
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P.S. Entscheidung ist gefallen. An der Bellini-Arie von Callas wird nicht herumgeschnippelt. So viel Zeit muss sein. Auch nicht am letzten Stück von Esther & Abi, das kann hauchzart ausgeblendet werden, falls überhaupt nötig. Die zweieinhalb Minuten drüber sind ja wohl innerhalb der 5-Minuten-Kulanz in der Halle.