25. April 2026

Es folgt die Beschreibung des gestrigen Abends, Untertitel "Ausgehen ohne Smartphone". Fotos mit der Barbie-Kessler-Mütze, gestern, 17.43 Uhr, kurz vor dem Losgehen. Ich machte auf dem Weg zur U-Bahn einen Schlenker in die Gormannstraße zu Sevenstar. Um 17.55 Uhr war ich da, um kurz Hallo zu sagen.
Gegen 18.03 Uhr brach ich wieder auf, die Gormannstraße entlang Richtung U-Bahn Weinmeisterstraße. Sechs Minuten Warten auf dem Bahnsteig, um 18.12 Uhr kam die U8 zum Alex, eine Halte. 18.14 Uhr raus, ich musste umsteigen in die U2 Richtung Ruhleben.
Es ist ein ziemlich langer Weg vom Bahnsteig der U8 zum Bahnsteig der U2. Man läuft und läuft und läuft. Kennt man ja. Aber diesmal trippelte ich etwas, immer mit Bedacht, mir das Ungewohnte nicht anmerken zu lassen, die Stiefeletten mit den höheren Absätzen machten sich bemerkbar. Ein anderes Laufen.
Dann, am Bahnsteig der U2, ca. um 18.20 Uhr sondierte ich die Fahrtrichtung, suchte nach der Anzeige "Ruhleben". Das stand da aber nicht. Ich las evt. Theodor-Heuss-Platz oder eine andere Haltestelle, wobei das ja auch die richtige Richtung gewesen wäre und ich es wissen müsste. Dann kam eine U-Bahn, ich war verwirrt und stieg auf der falschen Seite ein, Richtung Pankow, was Unsinn war und ich hätte eigentlich wissen müssen. So weit reichen meine Geographiekenntnisse in Sachen Berliner Bezirke.
Die Tür schloss sich und die nächste Halte war Rosa-Luxemburg-Platz, genau falsche Richtung. Ich noch relativ entspannt, weil ja gut in der Zeit, früher losgegangen, als geplant. Ziel eine Ausstellungseröffnung in Schöneberg in der Potsdamer Str., Nähe U-Bahnhalte Bülowstraße. Davon war ich aber noch sehr weit entfernt.
Ich stieg Rosa-Luxemburg-Platz aus und wollte lässig zum gegenüber liegenden Bahnsteig, um wieder in die richtige Spur, also richtige Fahrtrichtung zur U-Bahn-Halte Bülowstraße zu kommen. Man ahnt schon an der Umständlichkeit meiner Beschreibung des Vorgangs, dass es nicht einfacher wurde.
Ich konnte leider nicht einfach mal rüber zur anderen Fahrtrichtung, weil ausgerechnet am Rosa-Luxemburg-Platz größere Bauarbeiten an dem Schienenstrang und im U-Bahnhof von statten gehen. Ein großer Bauzaun verdeckt die Sicht auf den Bahnsteig, zu dem ich wollte.
Treppe hoch, Ausschau nach einem anderen Zugang gesucht, andere Treppe runter. Wieder war ich auf dem selben Bahnsteig in die falsche Richtung, nach Pankow. Es war ca. 18.20 Uhr. Wieder hoch. Ein Hinweisschild überflogen, irgendwas mit Ersatzverkehr, aber keine richtungsweisenden Pfeile.
Etwas entfernt entdeckte ich eine Bushaltestelle, da standen auch zwei Frauen und warteten und auf einem Fahrplanschild stand "Ersatzverkehr", die Details las ich leider nicht. Hoffte, das nun da irgendein Ersatzverkehr-Bus käme, checkte die Fahrtrichtung und die Haltestellen, aha, bis Spittelmarkt also. Ok. Dann könnte ich da ja wieder in die U 2 Richtung Bülowstr. So dachte ich.
Und wartete. Und wartete. Und wartete. Inzwischen waren sicher zehn Minuten vergangen, wenn nicht fünfzehn, als ich zweifelte, ob ich hier richtig sei. Kein Bus zu sehen. Näher zum "Ersatzverkehr"-Hinweisschild. Erstmalig die Uhrzeiten gelesen. Den Ersatzverkehr gab es erst ab ca. 22 Uhr. Hier war ich falsch. Wo der Ersatzverkehr für den frühen Abend ist, konnte ich nicht herausfinden.
Die beiden anderen wartenden Damen schienen auf einen anderen Bus zu warten, der vielleicht bald käme und regulär dort abfährt, aber ganz weit östlich fährt, nicht über den Alex, nicht nach Süden. Beim Warten hielt ich schon immer Ausschau nach Taxis, aber alle waren besetzt. Ich drehte mich um und hoffte an einer anderen Ecke weiterzukommen, egal wie.
Ein Taxi kam, das frei war, ich winkte und stieg ein. Auf dem Display im Taxi war es 18.37 Uhr. Ich nannte die Adresse Potsdamer Str. 161 und wir gurkten eine ganze Weile durch Mitte, Absperrung hier, Absperrung da, Baustellen. Ca. 18.47 Uhr waren wir am Potsdamer Platz.
Mir fiel kurz ein, dass ich vielleicht straffer unterwegs gewesen wäre, wenn ich mit der S-Bahn von Oranienburger Str. bis Potsdamer Platz gefahren wäre und von da in die U2, aber dafür war es nun zu spät. Ich war auch nicht mehr gewillt, ein weiteres Stück mit der U-Bahn zu fahren, zumal noch ein Fußweg bis zur Hausnummer 161 in der Potsdamer Str. wartete. Trippel trippel.
Um fünf vor Sieben war ich mit dem Taxi am Ziel und dachte, das ist ja eigentlich genau die Zeit, die ich angekündigt hatte. Nämlich, ich käme zwischen 18.30 und 19 Uhr, "so kurz vor Sieben" hatte ich Ina und Lydia mitgeteilt. Ina wollte früher kommen, zu 18.30 Uhr circa-ungefähr.
Ich wollte es vor Ort kurz halten, da erfahrungsgemäß schnell erfasst ist, was hängt und nur mal Hallo zu Jan sagen, was im erwartungsgemäßen Trubel auch keine längere Zeit in Anspruch nimmt. Da er dort in einer Gruppenausstellung vertreten war, wollte ich als Geste der Freundschaft und auch Interesse, was andere so treiben, meine Aufwartung machen.
Mit Option zum länger Bleiben, falls sich eine unerwartete Begegnung ergeben sollte, die exorbitant fesselt. Und anschließend zum Berlin Beat Club, im Ballhaus in der Chausseestraße. Jedenfalls Ina hatte auch wieder mal Lust darauf. Lydia wollte zwischen 18.30 und 19.00 Uhr in der Galerie dazustoßen.
Ich stand vor der komplett verschlossenen Galerie, mit mir ein Grüppchen Wartender, die Einlass begehrten. Die Tür war verriegelt. Ich hatte irgendwo gelesen, die Eröffnung begänne um 17 Uhr und war irritiert. Fragen ergab: "Nein, 19 Uhr". Keine Ina, keine Lydia weit und breit. Auch von Jan nichts zu sehen. Man wartete.
Ich langweilte mich. Niemand da, den ich kannte oder mir interessant genug erschien, um in Kontakt zu treten. Die ganzen Vibrations waren eher unkommunikativ. Man spürt das ja. Ich kam mir wirklich vor wie eine Barbiepuppe in meinem Rosa von Kopf bis Fuß, die sich im Kino in den falschen Saal verirrt hat.
Ein Mann kam mit einem Schlüssel, er wirkte eher wie ein Hausmeister in rustikalen Alltagsklamotten und schloss auf. Drinnen keine wartenden Künstler oder Gäste-willkommen-heißenden Galeristen, nur ein kleiner Tresen, an dem Getränke verkauft wurden. Zwei überschaubare Ausstellungsräume mit vielen kleinen Bildern, eng gehängt, für mich zusammenhanglos, qualitativ sehr unterschiedlich, durchwachsen. Überladene Hängung für mein Auge.
Der vordere Raum roch, als sei ewig nicht mehr durchgelüftet worden. Ich ging aufs Klo links vom Tresen. Es kamen weitere Leute, aber niemand, den ich kannte. Kurz überlegte ich mir ein Getränk zu holen, aber mir verging die Lust, länger zu verweilen und zu warten. Meine Gedanken, wieso weder Ina noch Lydia da waren, gingen in zwei Richtungen.
Entweder waren sie um 18.30 schon vor mir da, erfuhren, dass erst in einer halben Stunde geöffnet wird und suchten sich einen angenehmeren Ort in der Nähe, um die Wartezeit bis dahin zu vertreiben und kämen dann wieder.
Oder es war ihnen etwas Unvorhersehbares dazwischen gekommen, Unwohlsein, ein Haushaltsproblem und ich konnte die eventuelle diesbezügliche Message kurzfristig nicht mehr bekommen, weil ich schon unterwegs war und damit offline. Ohne Smartphone.
Dritte Variante wäre, sie kämen einfach bedeutend später, fragt sich nur wann. Mir gefiel es dort nicht, ich hatte keine Lust eine unwägbare Zeit abzuwarten, ob sie noch kämen. Weiterer Gedanke: Ina könnte gemerkt haben, dass es bei ihr zeitlich zu knapp wird, alles unter einen Hut zu bringen und fährt direkt zum Ballhaus.
Inzwischen war es 19.10 Uhr und ich sah wenig Sinn, noch länger zwischen Fremden tatenlos herumzustehen und Zeit zu verlieren. Ich hatte vorher Ina mitgeteilt, dass wir ca. gegen 19.20 los sollten Richtung Ballhaus. Wenn sie jetzt erst oder in fünf Minuten kämen, dann wäre zumindest Ina nur für 5 - 10 Minuten in der Ausstellung, wenn sie mit zum Beatclub käme, wohin sie doch auch wollte, wie ich bis dahin dachte. Das ergab doch wenig Sinn.
Ich überlegte, zurück nach Hause zu fahren, um eine Message abzusetzen, dass ich auf dem Weg ins Ballhaus sei oder direkt hinzufahren und dann von da aus irgendwie zu kommunizieren, indem mir jemand von der Band, die ich ja kenne, mal kurz gestattet sein Smartphone zu benutzen. Ich entschied, mich auf den direkten Weg zum Ballhaus zu begeben. Dachte, je früher ich dort bin, umso größer die Chance sogar noch ein, zwei Plätze zu bekommen. Die Konzerte fangen recht pünktlich um 20 Uhr an.
Da keine Taxis kamen, trippelte ich zügig zur U-Bahn Bülowstraße, immer noch Ausschau haltend, ob mir nicht doch Lydia oder Ina entgegenkämen. Leider nicht. Umsteigen in die U6 am U-Bahnhof Stadtmitte, Fahrtrichtung Kurt-Schumacher-Platz bis zur Haltestelle Naturkundemuseum. Gegen ca. 19.35 Uhr war ich da. Gut in der Zeit zum Konzertbeginn, aber leider doch schon alle Sitzplätze vergeben.
Ich konnte leider an kein Smartphone rankommen, um Kontakt aufzunehmen und hoffte, dass Ina von selbst auf die Idee käme, dass ich schon im Ballhaus bin. Ich holte mir ein frisch gezapftes kleines Veltins und hypnotisierte den Eingangsbereich, um sie nicht zu verpassen. Leider erfolglos. Es stellte sich nach dem ca. dritten Song heraus, dass der Sänger wohl nicht dabei ist, der gute Tom.
"If I had a Hammer" hob meine Laune und auch "Under my Thumb". Ich genehmigte mir ein zweites kleines Bier und wackelte ein bisschen mit im Takt, das Glas in der Hand. Blöderweise hatte ich auch keine Telefonnummer von Ina oder Lydia bei mir und Telefonbücher gibts ja nicht mehr, zumal da keine Handynummern drinstehen.
Ich trat vor die Tür, holte bisschen Luft, es war sogar noch hell. Allein machte es mir keinen Spaß, es war nicht dasselbe wie sich zu zweit oder mehreren an der Musik zu erfreuen und mir war nicht nach Kontakte knüpfen. Im Saal hatte ich mir erlaubt, mich mal temporär hinzusetzen, wo ein Stuhl frei war, weil getanzt wurde.
Ich kenne die Gegebenheiten und ungeschriebenen Regeln und wäre sofort aufgestanden, wenn die "Besitzerin" des Stuhls vom Tanzen zurückgekommen wäre. Das versuchte ich auch vorneweg dem Mann an dem Tisch zu sagen, der mich argwöhnisch betrachtete. Ich lächelte ihn an und versuchte mit Gesten, Händen und Füßen und auch Worten zu signalisieren, dass ich nur kurz mal Platz nehme, sofort wieder aufstehe, wenn jemand zurück kommt.
Ein gnadenloser Blick strafte mich. Die Musik war zu laut, um sich zu verständigen. Das Lied war dann zu Ende, ich hatte weiter beschwichtigend gestikuliert, aber wurde nicht verstanden. Er kam auf mich zu, ich wollte es in der ruhigen Minute kurz rüberbringen, dass ich sofort aufstehen würde, dass ich den an "unsichtbar" vergebenen Platz nicht unangemessenerweise für den Rest des Abends beanspruche.
Er ließ mich nicht zu Wort kommen und legte los à la: "JETZT REDE ICH!", dass das der Platz seiner Frau sei, die diesen dringend benötige. Was ich ihr nie streitig machen wollte, ich kam nur nicht dazu, das zu erklären, und noch tanzte sie offenkundig munter und zeigte keinerlei Interesse am Stuhl. Er blockte meine Erklärungsversuche ab mit, dass ihn nicht interessiere, was ich zu sagen hätte.
Mir wurde es zu blöd, ich schüttelte den Kopf und stand auf. Meine Stimmung war nicht mehr gehoben. Ein paar Mal wechselte ich noch den Standort, selbstverständlich stehend und ahnte längst, dass Ina nicht mehr eintreffen würde. Wenn ihr eh was dazwischen gekommen war, hatte sie vielleicht alles gecancelled.
In meinem Hinterkopf war noch eine vage andere Idee, den Abend zu verbringen, die könnte ich noch eruieren, dachte ich mir. Und verließ das Ballhaus gegen ca. 20.40 Uhr. Zum Türsteher sagte ich, dass ich vielleicht wiederkäme, ich wüsste es noch nicht genau. Er lächelte freundlich. Wieder zur U-Bahn. Haltestelle Naturkundemuseum. Eine Halte bis Oranienburger Tor. Und dann der lange Fußweg die Linienstraße entlang, trippel trippel trippel.
Joachimstr. Ecke August. Fahrstuhl. Wohnungstür. Schuhe aus. Meine Fußsohlen brannten etwas. Rosa Anzug aus. Sollte ich noch mal vor die Tür gehen, würde ich das Outfit komplett wechseln. Und sehr bequeme flache Stiefeletten anziehen. Falls. Ich genehmigte mir ein Jever, guckte meine Messages durch.
Zwei von Ina und Lydia, in denen sie sich nach meinem Verbleib erkundigten. Die eine von Lydia von 20.01 Uhr, dass sie und Ina vor der Galerie säßen und warteten. Die andere von Ina von 20.24 Uhr mit der Frage, ob ich gleich wieder gegangen sei. Ich antworte um 21.02, erklärend von wann bis wann ich vor Ort war und machte mir ein paar Schnittchen mit Mortadella und Gürkchen.
Mein Festnetz-Telefon klingelte. Im Telefongespräch bahnte sich die Möglichkeit an, noch zu einer privaten Feier im Prenzlauer Berg dazuzustoßen, Ich hatte Lust darauf, um diesen Freitagabend vielleicht doch noch mit einem Highlight oder wenigstens anregendem Tapetenwechsel abzuschließen und überlegte schon mal mit neuer Munterkeit, was ich anziehe.
Zog es kurzerhand schon mal an und wartete bis 22.30 Uhr auf die avisierte Rückmeldung, die leider nicht kam. Dann trank ich mein Bier aus, entledigte mich meiner Ausgehkleidung, hängte den rosa Anzug auf und räumte die übrigen ausgezogenen Klamotten weg, packte die Stiefeletten mit den Absätzen wieder zurück in die Truhe und schlüpfte ins Bett.
Der Wecker neben meinem Bett zeigte 23.00 Uhr. Der Beatclub spielte vermutlich gerade das letzte Set. Was für ein bemerkenswert verworrener Freitagabend. Nun weiß ich immerhin, dass die höheren Stiefeletten zwar gut zum rosa Hosenanzug passen, aber zum Wandern auf Asphalt nicht zu empfehlen sind.


g a g a - 25. April 2026, 17:05



















