Was mich bewegte, am Karfreitag das Zeiss-Planetarium zu besuchen, war nicht die Ausstellung, sondern eine FilmvorfĂŒhrung. Es gibt dort einen Kinosaal, in dem aktuelle Filme gezeigt werden. NĂ€mlich gab es den am Tag vorher angelaufenen Dokumentarfilm "
Siri Hustvedt - Dance Around The Self" von Sabine Lidl. Nachdem ich vor kurzem ihr neues Buch Ghost Stories
gelesen hatte, das inhaltlich korrespondiert, wollte ich mir dieses Puzzleteilchen nicht entgehen lassen. AuĂerdem liebe ich mit Hingabe gemachte Dokumentationen sehr.
Nun saĂ ich aber nicht als Fangirl von Hustvedt im Kino, das jede ĂuĂerung von ihr als goldene Worte empfindet. Die erste halbe Stunde des Films, der sie schon auf ein Podest hebt, hatte so einige LĂ€ngen, die mich fast wegdriften lieĂen. Sie wurde immer wieder in ihrem Haus platziert, um aus ihren eigenen BĂŒchern vorzulesen. Ihre Stimme ist etwas dĂŒnn, eher hoch und leicht brĂŒchig, auch ein wenig vernuschelt, ihre Aussprache. Die gewĂ€hlten Passagen fesselten mich nicht.
Interessant wurde es, wenn sie frei erzĂ€hlte, ihre Zeichnungen zeigte, die ich zum Teil beeindruckend fand, ja virtuos. GroĂes zeichnerisches Talent. Sie hatte in jungen Jahren auch Ăberlegungen, bildende KĂŒnstlerin zu werden.
Die Doku entstand ab 2022 ĂŒber insgesamt vier Jahre, beginnend zu einem Zeitpunkt, als ihr GefĂ€hrte Paul Auster noch nicht seine Krebsdiagnose hatte. Ich weiĂ nicht, ob der Schnitt rein chronologisch ist, aber ich bilde mir ein, dass sich ihre Ausstrahlung sehr verĂ€ndert, je weiter der Film fortschreitet. Ich nehme an, es ist der Entwicklung mit Pauls Krankheit geschuldet. Ich fand sie nahbarer in ihrer leichten Verunsicherung. Ihre drei Schwestern waren auch zu sehen, eine enge Familie. Die Schwestern waren mir alle drei sofort nĂ€her als die gefeierte Siri. Ganz andere Typen, auch alle hochkultiviert, aber sehr bodenstĂ€ndig und nahbar.
Immer wieder erwĂ€hnt der Film die bildende KĂŒnstlerin Louise Bourgeois, mit der sich Hustvedt auch in ihren Schriften wiederholt befasste. Eine interessante Sequenz ist, wo sie sich mit ihrem alten Freund Wim Wenders trifft, um eine Rauminstallation von Bourgeois in Norwegen zu besuchen, die Installation eines symbolischen Scheiterhaufens, beeindruckendes Kunstwerk, dieses
Hexemmahnmal in VardĂž.
An einer Stelle erheiterte mich Siri Hustvedt. Sie lieĂ durchblicken, was sie von Lebenshilfe-Ratgebern hĂ€lt, die in Aussicht stellen, in fĂŒnf Schritten zum GlĂŒck zu fĂŒhren oder "die beste Version von sich selbst" herbeizuzaubern helfen. Als gĂ€be es zu Lebzeiten jemals ein finales, fertiges, unverĂ€nderliches Stadium, das nur erreicht werden mĂŒsste. Bullshit. Das sagte sie nicht, aber ihr Gesichtsausdruck. In der Szene gefiel sie mir.
Paul Auster ist einige wenige Male auch vor der Kamera und sagt Dinge ĂŒber sie, die jede Frau gerne hören wĂŒrde. Die Verleihung einer Ehrendoktor-WĂŒrde an Siri Hustvedt wird gezeigt, ihre Dankesansprache. Wir dĂŒrfen immer wieder die WohnrĂ€ume sehen und auch einmal den Besuch ihrer Tochter mit ihrem Mann und ihrem Neugeborenen, familiĂ€re Szenen, alle beugen sich ĂŒber das Baby, das auf dem Teppich liegt. Der sympathische Schwiegersohn fotografiert oft, macht sehr schöne Erinnerungsbilder, gerade auch von Paul und Siri in den letzten Wochen.
Dann ist Paul weg. Siri lÀuft durchs Haus, das plötzlich doppelt so groà zu sein scheint, ohne ihn. Eine Gedenkfeier. Die Tochter Sophie singt ihre wunderschöne Ballade "
Blue Team". Ich bekam feuchte Augen, die Kamera zeigt Siri in Gedanken, in Gedenken, beim Zuhören. Im Publikum auch kurz zu erkennen, Wim Wenders mit seiner Frau Donata.
Der erwĂ€hnte Besuch bei der Installation in Norwegen war erst danach. Sehr feine Kameraeinstellungen, durchweg, subtil gewĂ€hlte Hintergrundmusik. Die Doku hat einige Momente voller Poesie, besonders auch wenn Hustvedts kleine Zeichnungen zu animierten Figuren werden, beeindruckend gemacht. Es ist auf jeden Fall ein hochkarĂ€tige Doku, die gefĂŒhlten LĂ€ngen waren nur am Anfang. Man bekommt viel AtmosphĂ€risches mit, von diesem besonderen Leben in Brooklyn.
Gegen Ende war mir Hustvedt nĂ€her als in der ersten halben Stunde. Es ist offenkundig eine Autorin, die in ihr Schreiben hĂ€ufig einflieĂen lĂ€sst, wie sie die LektĂŒre von anderen Autoren, Denkern und Wissenschaftlern rezipiert, das interessiert mich nicht so sehr, meine Faszination liegt eher bei originĂ€ren Gedanken, besonders auch eingestandenen ambivalenten, die in keine Schublade passen. Wer die Autorin ohnehin mag, sollte den Film auf jeden Fall sehen, eine vollumfĂ€ngliche WĂŒrdigung. FĂŒr Doku-Liebhaber bietet er auch eine Menge. Eine Empfehlung fĂŒr einen Nachmittag.
