07. April 2026



Ja oder Ja?đŸ©· Soll wohl morgen kommen. Ein Traum wĂ€re, wenn die Hosenbeine so lang wĂ€ren, wie bei dem Mannequin auf dem Foto. Wieso ist eigentlich das Wort Mannequin zuerst durch Fotomodell und dann durch Model ersetzt worden? Und ganz frĂŒher hieß es VorfĂŒhrdame. Wobei mir schon klar ist, dass ein Fotomodell nicht zwingend VorfĂŒhrdame oder Anprobe-Modell im Atelier eines Couturiers war. Und nicht jede VorfĂŒhrdame, nicht jedes Laufsteg-Mannequin das beste Fotomodell. Das ist heute ja nicht anders. Bei Heidi sieht man auch immer, dass manche Kandidatinnen oder Kandidaten toll fĂŒr Fotos posieren können, viel anbieten, aber manchmal nicht so kraftvoll oder anmutig laufen - und umgekehrt. Eine Freundin von mir war in den Sechzigern VorfĂŒhrdame im Atelier von Uli Richter, wenn ich es recht erinnere. Oder war es Heinz Oestergaard? Jedenfalls einer von beiden. Es war eine Ehre. Sie hatte zuerst als Schneiderin dort begonnen, wurde dann Direktrice und wegen ihres hĂŒbschen Gesichts und der zierlichen Figur gefragt, ob sie nicht auch VorfĂŒhrdame sein möchte. Auffallend groß war sie nicht, eher so DurchschnittsgrĂ¶ĂŸe 1,68 m. Sie mochte. Wenn die Hose von dem rosa Hosenanzug mit Streifen zu kurz sein sollte, hab ich immerhin Hoffnung, dass noch ordentlich Saum zum Rauslassen vorhanden ist. Bei dem Preis wird da hoffentlich nicht gegeizt. Ich kaufe sonst recht sparsam, aber als ich diesen Anzug gesehen habe, war ich verliebt und sah mich außerstande, bis zu einem Ausverkauf zu warten, der dann vielleicht erst im Herbst ist, wenn keine rosa FrĂŒhlings-Schwingungen mehr in der Luft sind. Wenn er da ist, muss ich auch sofort gucken, ob da meine leichten, hellbeigen Chelsea Boots aus Wildleder damit korrespondieren. Denn fĂŒr nackte FĂŒĂŸe in Zehensandalen haben wir noch so gar kein Wetterchen in Berlin.

06. April 2026

Wirr getrĂ€umt, aber nicht schlimm. Paar Fetzen sind hĂ€ngengeblieben. Ich traf mich mit Alban, den ich lĂ€nger nicht gesehen hatte, in einem neu von ihm (und mir?) als Untermieter(n) angemieteten, winzigen, quadratischen Arbeitszimmer, in dem aber gleichzeitig auch der Vermieter an einem kleinen, ebenfalls quadratischen Schreibtisch arbeitete. Er schrieb eifrig am Computer. Unser gemeinsamer Schreibtisch, baugleich, auch quadratisch, war direkt an seinen gerĂŒckt, man saß quasi wie in einer Reihe nebeneinander, Blickrichtung zur Wand mit einigen BĂŒcherregalen. Farbstimmung Grautöne, nicht metaphorisch gemeint, reine Farbangabe. Der schachtelförmige Raum hatte kein Fenster, GrĂ¶ĂŸe etwa vier mal vier Meter. Wir machten uns direkt an die Arbeit, Alban und ich hatten irgendein konkretes, gemeinsames Schreibprojekt, ich erinnere mich leider nicht, worum es ging.

Einschub: gestern, vor dem Schlafengehen dachte ich noch eine Weile darĂŒber nach, weshalb Siri Hustvedt sowohl im Buch Ghost Stories, als auch im jetzt angelaufenen Dokumentarfilm ĂŒber sie, vermittelt, Paul Austers Arbeitsplatz als Schriftsteller sei im gemeinsamen Haus in Brooklyn gewesen. In mehreren Interviews, auch in einem Video erzĂ€hlt er, dass er seine BĂŒcher seit 2004 nicht mehr im gemeinsamen Haus schreibt, wo Hustvedt ihr Arbeitszimmer unterm Dach hat und er vor vielen Jahren sein Arbeitszimmer im Keller (das im Film gezeigt wird und dem getrĂ€umten Arbeitsraum Ă€hnelt), sondern in einer kleinen Wohnung um die Ecke, ebenfalls in Brooklyn, drei Minuten Fußweg entfernt, wo er seine komplette Ruhe hat. Er ging dazu ĂŒber, als es umfangreichere Bauarbeiten im Haus gab, die sich ĂŒber viele Wochen erstreckten und ihn zu sehr in seiner Konzentration beeintrĂ€chtigten. Er behielt den externen Arbeitsplatz dann auch nach Ende der Bauarbeiten bei. Ein ganz schmuckloser Raum, wie er es beschreibt, was ihm aber völlig egal sei. Siri Hustvedt legt den Fokus immer auf den alten, frĂŒheren Arbeitsraum im Haus. Im Film sagt sie nach seinem Tod, dass ihr das Klappern seiner Schreibmaschine fehlt. Da assoziiert man als Zuseher natĂŒrlich, dass das GerĂ€usch bis kurz vor seinem Tod im Haus zu hören war, nicht schon seit zwanzig Jahren nicht mehr. Feinheiten, die mir zu denken geben.

In dem Traum ging es aber noch bizarr weiter. Entweder der Vermieter des Arbeitsraums von Alban und mir oder irgendwer anders hatte eine KostĂŒmparty in Vorbereitung, vielleicht war das auch das eifrige Tippen am Computer links von uns, das den Vermieter so geschĂ€ftig hielt. Ich bekam den Hinweis, dass ich mich an einem Haufen Klamotten bedienen könnte, denn ich hatte keine Verkleidung dabei und irgendwie musste ich mir auch etwas anziehen, weil ich - warum auch immer - nicht vollstĂ€ndig bekleidet war. Ich ging dann durch viele RĂ€ume, wie im Kreis, und hatte dann noch eine Lieblingsporzellantasse von mir in der Hand, blau und gold gemustert, die fiel mir runter, als ich Klamotten von einem Haufen vom Boden zusammenraffte und der Henkel brach ab. Ich griff sie dann wieder ohne Henkel und nach einem KostĂŒm, das angeblich ein EisbĂ€rkostĂŒm sein sollte. Mir war es relativ egal, ich wollte mich einfach anziehen, anstatt nur in UnterwĂ€sche rumzulaufen. Als ich das KostĂŒm ĂŒberzog, entpuppte es sich als gar kein EisbĂ€rkostĂŒm, es hatte gar kein weißes Fell und auch keinen EisbĂ€rkopf. Es sah einfach nur aus wie ein caramellfarbener, schlichter Popelinemantel. Gerade geschnitten. Seltsam. Alban hatte sich nicht verkleidet. Bin dann aufgewacht.

05. April 2026





Was mich bewegte, am Karfreitag das Zeiss-Planetarium zu besuchen, war nicht die Ausstellung, sondern eine FilmvorfĂŒhrung. Es gibt dort einen Kinosaal, in dem aktuelle Filme gezeigt werden. NĂ€mlich gab es den am Tag vorher angelaufenen Dokumentarfilm "Siri Hustvedt - Dance Around The Self" von Sabine Lidl. Nachdem ich vor kurzem ihr neues Buch Ghost Stories gelesen hatte, das inhaltlich korrespondiert, wollte ich mir dieses Puzzleteilchen nicht entgehen lassen. Außerdem liebe ich mit Hingabe gemachte Dokumentationen sehr.

Nun saß ich aber nicht als Fangirl von Hustvedt im Kino, das jede Äußerung von ihr als goldene Worte empfindet. Die erste halbe Stunde des Films, der sie schon auf ein Podest hebt, hatte so einige LĂ€ngen, die mich fast wegdriften ließen. Sie wurde immer wieder in ihrem Haus platziert, um aus ihren eigenen BĂŒchern vorzulesen. Ihre Stimme ist etwas dĂŒnn, eher hoch und leicht brĂŒchig, auch ein wenig vernuschelt, ihre Aussprache. Die gewĂ€hlten Passagen fesselten mich nicht.

Interessant wurde es, wenn sie frei erzĂ€hlte, ihre Zeichnungen zeigte, die ich zum Teil beeindruckend fand, ja virtuos. Großes zeichnerisches Talent. Sie hatte in jungen Jahren auch Überlegungen, bildende KĂŒnstlerin zu werden.

Die Doku entstand ab 2022 ĂŒber insgesamt vier Jahre, beginnend zu einem Zeitpunkt, als ihr GefĂ€hrte Paul Auster noch nicht seine Krebsdiagnose hatte. Ich weiß nicht, ob der Schnitt rein chronologisch ist, aber ich bilde mir ein, dass sich ihre Ausstrahlung sehr verĂ€ndert, je weiter der Film fortschreitet. Ich nehme an, es ist der Entwicklung mit Pauls Krankheit geschuldet. Ich fand sie nahbarer in ihrer leichten Verunsicherung. Ihre drei Schwestern waren auch zu sehen, eine enge Familie. Die Schwestern waren mir alle drei sofort nĂ€her als die gefeierte Siri. Ganz andere Typen, auch alle hochkultiviert, aber sehr bodenstĂ€ndig und nahbar.

Immer wieder erwĂ€hnt der Film die bildende KĂŒnstlerin Louise Bourgeois, mit der sich Hustvedt auch in ihren Schriften wiederholt befasste. Eine interessante Sequenz ist, wo sie sich mit ihrem alten Freund Wim Wenders trifft, um eine Rauminstallation von Bourgeois in Norwegen zu besuchen, die Installation eines symbolischen Scheiterhaufens, beeindruckendes Kunstwerk, dieses Hexemmahnmal in VardĂž.

An einer Stelle erheiterte mich Siri Hustvedt. Sie ließ durchblicken, was sie von Lebenshilfe-Ratgebern hĂ€lt, die in Aussicht stellen, in fĂŒnf Schritten zum GlĂŒck zu fĂŒhren oder "die beste Version von sich selbst" herbeizuzaubern helfen. Als gĂ€be es zu Lebzeiten jemals ein finales, fertiges, unverĂ€nderliches Stadium, das nur erreicht werden mĂŒsste. Bullshit. Das sagte sie nicht, aber ihr Gesichtsausdruck. In der Szene gefiel sie mir.

Paul Auster ist einige wenige Male auch vor der Kamera und sagt Dinge ĂŒber sie, die jede Frau gerne hören wĂŒrde. Die Verleihung einer Ehrendoktor-WĂŒrde an Siri Hustvedt wird gezeigt, ihre Dankesansprache. Wir dĂŒrfen immer wieder die WohnrĂ€ume sehen und auch einmal den Besuch ihrer Tochter mit ihrem Mann und ihrem Neugeborenen, familiĂ€re Szenen, alle beugen sich ĂŒber das Baby, das auf dem Teppich liegt. Der sympathische Schwiegersohn fotografiert oft, macht sehr schöne Erinnerungsbilder, gerade auch von Paul und Siri in den letzten Wochen.

Dann ist Paul weg. Siri lĂ€uft durchs Haus, das plötzlich doppelt so groß zu sein scheint, ohne ihn. Eine Gedenkfeier. Die Tochter Sophie singt ihre wunderschöne Ballade "Blue Team". Ich bekam feuchte Augen, die Kamera zeigt Siri in Gedanken, in Gedenken, beim Zuhören. Im Publikum auch kurz zu erkennen, Wim Wenders mit seiner Frau Donata.

Der erwĂ€hnte Besuch bei der Installation in Norwegen war erst danach. Sehr feine Kameraeinstellungen, durchweg, subtil gewĂ€hlte Hintergrundmusik. Die Doku hat einige Momente voller Poesie, besonders auch wenn Hustvedts kleine Zeichnungen zu animierten Figuren werden, beeindruckend gemacht. Es ist auf jeden Fall ein hochkarĂ€tige Doku, die gefĂŒhlten LĂ€ngen waren nur am Anfang. Man bekommt viel AtmosphĂ€risches mit, von diesem besonderen Leben in Brooklyn.

Gegen Ende war mir Hustvedt nĂ€her als in der ersten halben Stunde. Es ist offenkundig eine Autorin, die in ihr Schreiben hĂ€ufig einfließen lĂ€sst, wie sie die LektĂŒre von anderen Autoren, Denkern und Wissenschaftlern rezipiert, das interessiert mich nicht so sehr, meine Faszination liegt eher bei originĂ€ren Gedanken, besonders auch eingestandenen ambivalenten, die in keine Schublade passen. Wer die Autorin ohnehin mag, sollte den Film auf jeden Fall sehen, eine vollumfĂ€ngliche WĂŒrdigung. FĂŒr Doku-Liebhaber bietet er auch eine Menge. Eine Empfehlung fĂŒr einen Nachmittag.



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