Ich kann das erklären. Die Kombination mit dem dunkelblauen Grand Canyon-Shirt war der erste Versuch. Ich wollte an dem Tag auf jeden Fall etwas Blaues anziehen, manchmal hat man ja so eine dringende Präferenz. Nicht nur, weil mein Ziel punktuelles Blau erwarten ließ, sondern auch weil mir danach war. Aber dann bin ich ins Schleudern gekommen. Zum einen passte das sportlich beschriftete Souvenir-Hemdchen (und dann auch noch eines aus Amerika), so überhaupt nicht zu meinem Ausflugsziel. Man muss ja auch im Hinterkopf haben, dass die Einheimischen einen sehen und sich ihre Gedanken machen. Und natürlich stellt sich die Frage, wie es auf den Fotos wirkt. Passt die Typo von den Klamotten zur Fassadengestaltung und zum Innendekor, bildet es eine Einheit? Das sind so Sachen, die mir durch den Kopf gehen. Sie können sich denken, die Wahl der Bekleidung ist für mich somit eine tägliche, hochkomplexe Herausforderung. Nun aber kam noch eine weitere Fragestellung hinzu, die da wäre, ob so eine Aufmachung ohne Kopfbedeckung nicht liderlich wirken könnte. Man möchte ja die religiösen Gefühle der hiesigen Bevölkerung nicht verletzen. Doch, doch, ich rede immer noch von Deutschland. Genauer genommen: Berlin. Und noch genauer genommen: von einem eher südlichen Bezirk, wo sich ein ganz besonderer Ort befindet, wo ich noch nie war und wo ich schon immer mal hinwollte. Wenn Sie nun die ornamental angehauchte Zierstickerei (mit Glitzer) von meinem zweiten blauen Leibchen anschauen, kommt ihnen vielleicht schon die eine oder andere Idee, wozu das passen könnte. Das Kapuzenteil hatte fast dasselbe Blau und hätte für den Fall der Fälle gestattet, etwas weniger von meinem Kopfbereich mit dem Haarschopf preiszugeben. So fühlte ich mich dann angemessen gekleidet, um mich auf den Weg zu machen. Die Kapuze wurde dann übrigens gar nicht benötigt, aber ich möchte nicht vorgreifen. Ein kleiner Cliffhanger muss mal drin sein!
Heute: Ausflug zu Rossmann und Edeka. Auch den Gang zum Drogeriemarkt und ins Lebensmittelgeschäft kann man nutzen, um seine Anziehsachen vorzuführen. Erkenne die Möglichkeiten!
Ich wünschte, ich hätte heute morgen die Spannkraft, wie auf dem Bild mit der Kamera. Aus freien Stücken bin ich ungefähr kurz vor halbacht aufgestanden, von selber aufgewacht, nach schweren Träumen - nein nicht schwermütig - irgendwie kompakt, mit hoher Materaldichte sozusagen. Aber wieder hinlegen möchte ich mich auch nicht, schließlich ist es schon richtig schön hell. Dann das Nächste: kein Appetit auf Kaffee, was eigentlich in meinem Fall fast schon besorgniserregend ist. Also eine Kanne Tee gekocht, neuerdings ja grüner, mit Teebeutel. Ich finde um losen Tee wird viel zu viel Gedöns gemacht, mir schmeckt der sehr gut. Gute Qualität vorausgesetzt! Es gibt da Unterschiede. Auch bei schwarzem Tee habe ich früher oft Beuteltee gekauft, guten Darjeeling, schön mild. Hin und wieder hatte ich eine Anwandlung doch wieder wie früher ein Päckchen losen im mittleren Preissegment zu kaufen und hatte im direkten Vergleich mit dem guten Beuteltee keinerlei Aha-Erlebnis in Sachen Aroma. Es ist ja nicht so, dass ich keine Ansprüche hätte oder mein Geschmackssinn nicht geschult wäre. Früher, in der Jugend, Ende der Siebziger bis Mitte der Achtziger wäre Beuteltee ein Sakrileg gewesen. Große Zeremonien wurden veranstaltet, Räucherstäbchen neben dem Stövchen angezündet. Schokoladenkekse und feiner weißer Kandiszucker bereitgehalten, hauchzarte Chinaporzellantässchen standen bereit. Im Teeladen war ich Stammkundin und habe zahllose Sorten durchprobiert. Na gut, seither weiß ich immerhin, dass mir beim Schwarzen am ehesten die Darjeeling-Sorten zusagen. Es gab auch chinesische Sorten, welche mit seltsamen Namen wie Gun Powder. Dazu hat man dann besinnliche und etwas melancholische Gitarrenmusik gehört, die akustischen Lieder von Neil Young, gerne die Comes a Time-Platte oder Rust never Sleeps. Oder auch schon mal Wish you were here von Pink Floyd. Obwohl das Psychedelische war dann doch eher für die Kombination Wein und Bier trinken und Kiffen vorbehalten. Obwohl man ja immer empfohlen hat, Kiffen nicht mit Alkohol zu kombinieren, man hat ja auch selber gemerkt, dass das nicht die ideale Kombination ist, aber trotzdem hat man es immer wieder mal gemacht. Schön blöd! Ich habe schon ewig nichts mehr geraucht, fällt mir auf. Ungefähr knapp drei Jahre nicht mehr. Kommt halt auch bei mir immer auf den Umgang an. Auf jeden Fall wird man vom Kiffen nicht schöner. Die das regelmäßiger praktizieren, laufen ja auch immer mit so einer Art Kater herum, und vielleicht haben sie bei dem einen oder anderen Bekannten in ihrem Bekanntenkreis schon einmal diese gewissen leicht rot unterlaufenen Augen gesehen. Der Blick leicht abgestumpft ins Leere, ein insgesamt unkonzentrierter, desinteressierter Ein- und Ausdruck, unkoordinierte, verlangsamte Bewegungsabläufe, trübe, geäderte Augäpfel. Also ich kann den regelmäßigen Gebrauch nicht empfehlen. Es ist auch einfach kein schöner Anblick und wer will schon mit einem gleichgültigen Gegenüber zu tun haben. Machen Sie es doch einfach genau so wie ich: alle paar Jubeljahre, wenn sie mal jemanden treffen, der Sie gratis zu einer Tüte einlädt, dankend annehmen, zur Inspiration und Abwechslung, mal ein bißchen was Anderes als immer nur Branntwein, Spitzenweine und Champagner. Das macht dann Freude und ist eine Bereicherung. Hoppla, was ist das denn jetzt für ein Eintrag geworden. Ein Eintrag mit Drogen- statt Haushaltstipps. Ich denke, nach dem ganzen Tee bin ich langsam bereit für einen guten starken Kaffee!
Zuguterletzt etwas Grün. Frau Nielsen inspiziert das Gestrüpp auf dem Nordbalkon. Und hier habe ich wieder einen Haushaltstipp, der toll viel Zeit spart. Wer hat es nicht gerne grün auf den Balkon und träumt von einer Fee, die Jahr für Jahr aufs Neue die grüne Pracht erblühen lässt, ohne dass man selber Hand anlegen muss. Dieser Traum kann wahr werden! Auch ich habe mich früher angeschickt, possierliche Topfpflanzen aus dem Blumengeschäft nach oben zu tragen, also mit dem Fahrstuhl, und unter vielerlei gutem Zureden und Gießen auf üppige Pracht gehofft. Nun ist ein Balkon zur Nordseite nicht die ideale Lage für sonnenliebende Blumen, wie sie gerne im Geschäft dargeboten werden. Vernunftbegabt wie ich bin, habe ich die Lage analysiert und bin zu dem Schluss gekommen, dass es draußen in der freien Natur geheimnisvolle Pflanzen gibt, die uns Jahr für Jahr aufs Neue begrüßen und ganz ohne unser Zutun erfreuen. Also begab es sich, dass ich mit einem großen Seesack und einem kleinen Schäufelchen in den tiefen dunklen Wald gegangen bin. Ich hatte weder Wein noch Kuchen für die Großmutter im Körbchen und trotzdem hat mich der böse Wolf nicht gefressen! Als mein Seesack gut gefüllt war, mit allerlei geheimnisvollem Wurzel- und Blätterwerk, habe ich mich tapfer wieder auf den Heimweg gemacht und die Schätze in mein kleines Erdreich auf dem Balkon gepflanzt. Seither ist der kleine schattige Balkon immer grün, wenn es draußen grünt. Und wenn der Winter kommt, ist halt Winter, so ist der Lauf der Jahreszeiten! Nie mehr muss ich einen Finger krümmen und jedes Jahr gibt es neue wundersame Pflanzen in meinem kleinen Zaubergärtlein, wo ich gar nicht weiß, wo sie herkommen. Es muss die gute Fee sein, anders kann ich es nicht erklären! Sie hat auch die komischen kleinen orangen Beeren an die Zweiglein gehängt, von denen ich gar nicht weiß, wie sie heißen und ob sie giftig sind und ob sie wieder kommen. Aber das ist ja egal! Hauptsache grün und keine Arbeit!
Da habe ich ja neulich am zweiten September schon was dazu geschrieben. Was mich aber jetzt bei der erneuten Bilderschau überrascht, sind die leeren Tische und Stühle. Ob ein Gewitter im Anmarsch war? Fußball? Kältesturz? Sehr merkwürdig. Es war ja immerhin ein früher Samstag-Abend, nicht nur dann kann sich das Hackbarths über mangelnde Besucher kaum beklagen. Wirklich komisch. Hm. Als ich Anno Neunundneunzig hier eingezogen bin und zum ersten Mal aus dem Küchenfenster nach unten geschaut habe, war ich sowohl irritiert als auch fasziniert, das ich erkennen konnte, was die Leute auf dem Teller haben. Jetzt gucke ich nur noch selten da runter, eher beiläufig, wenn ich das Fenster mal zum Lüften aufmache. Man kann also ruhig da unten frühstücken oder am Abend sein Bier trinken, ohne dass Gaga Nielsen die ganze Zeit dabei zuschaut. Keine Gefahr! Ich hab zu tun! Denn schließlich ist auf der anderen Seite das Al Contadino, mit bedeutend höherer Prominenten-Dichte. Gerne schlendert Jonathan M. in den frühen Abendstunden vom Revolutionsbüro in Begleitung seiner Leibwächter mal hinüber. Seit dem Umbau vom Ristorante Al Contadino Sotto le Stelle zur gleichnamigen Mozzarella-Bar hat man Brangelina zu meinem Leidwesen nicht mehr dort gesichtet. Die beiden haben sicher anderweitige gastronomische Verpflichtungen in Übersee. Was ich dummerweise gar nicht von meiner Wohnung aus erkennen kann ist, wer alles unten in der Milchbar sitzt und bis in die Puppen frühstückt. Die ist nämlich genau vier Etagen unter mir, und da hapert es ganz stark mit der Sichtachse. Aber gut, man kann nicht alles haben. Die Milchbar ist sowieso mehr für so familiärere Typen wie die Ex-Frau von Herrn Herzsprung, die gerne auch mal vor meiner Haustür eine raucht. Nicht meine Baustelle! Aber immer tolle Hüte auf! Selber entworfen. Sie heißt jetzt anders. Hat wieder ihren Mädchennamen angenommen. Kann ich mir leider nicht merken. Gibt Wichtigeres!
Zurück daheim. Mir kommt das ja auch übertrieben vor, scheinbar alle zehn Minuten ein Foto gemacht, an dem Tag da. Und das sind noch nicht alle. Ein Anflug von Sentimentalität und Vergänglichkeit "Nun bin ich also siebenundvierzig. Wer hätte das gedacht!" und "Daheim ist es doch am Schönsten!" Und ich weiß nicht was... ~
Schönstes Privileg privaten Bloggens: unzensierte Vermengung von Selbstportrait vor Sage-Club, Nazi-Verbrechen-Gedenktafel, Record Release-Banner vor bekritzelter U-Bahn-Wand und C&A-Cindy-Crawford-Reklame. E- und U-Musik, wie das Leben so spielt.
Wobei man ja sagen darf, dass sich die erfolgreichsten Kolumnen im Feuilleton der bezahlten Zunft, durch gekonnt platzierte Unsachlichkeiten via Unterjubelung privater Befindlichkeiten auszeichnen. Ja was denn auch sonst. Für sachliche Information kann man ja im Wikipedia nachblättern. Ich denke da zum Beispiel an Harald Martenstein. Man hat eigentlich das Gefühl, dass man ihn wie einen guten alten Kumpel aus WG-Zeiten vom Küchentisch kennt. Eine Schreibe in bester Befindlichkeits-Blogger-Tradition. Der Erfolg sei ihm gegönnt. Ich finde überhaupt, wenn jemand etwas Bereicherndes produziert, soll er auch gut davon leben können, wie der Bäcker vom Brot. Mir ist gerade der rechte Fuß eingeschlafen. Ich muss mal in die Küche und neuen Kaffee holen.
Kann man auch mal machen. Zur Feier des Tages den Fotoapparat aus dem Busfenster halten. Bitte sehr. Bus Richtung U 8 Heinrich-Heine-Straße. Eigentlich unkompliziert. Nur einmal umsteigen.