Heute Nacht von jemandem geträumt, in den ich um Neunzehnhundertsechsundachtzig, als ich nach Berlin kam, eine ganze Weile sehr verliebt war. Damals war ich Anfang zwanzig und er ungefähr dreiunddreißig. Er arbeitete in einer sehr kleinen, intimen Bar in Schöneberg und sang gerne mit der Musik, die er auflegte, bei der Arbeit hinterm Tresen mit. Spielte auch Gitarre und hatte eine eigene, zwei Stunden lange Radioshow bei einem Berliner Sender. Die kleine Bar in der Winterfeldstraße wurde schnell mein zweites Wohnzimmer. Es gibt sie schon seit fünfunddreißig Jahren nicht mehr. Über Jahre immer wieder mal im Internet geschaut, ob er zu finden ist. Es wurde damals nichts daraus, ich verzehrte mich vergeblich. Er heiratete dann eine Frau, die etwa so alt war wie ich. Nur sie ist im Internet mit einem einzigen Suchergebnis zu finden. Von ihm nichts. Was aber eigentlich auch egal ist. Ich glaube, ich sah ihn fast zwanzig Jahre später von der anderen Straßenseite vor dem Eingang eines Lokals in der Grolmannstraße, wahrscheinlich rauchend. Ich erschrak. Ein älterer Mann, der immer noch dieselbe, aus der Mode gekommene Frisur hatte, längere Locken. Er wirkte verwelkt und hatte nichts mehr von der Ausstrahlung, die mich so angezogen hatte.
Heute Nacht träumte ich, dass ich ihn irgendwo wieder traf, er war altersmäßig stehen geblieben, jünger als bei der Sichtung vor dem Lokal, eher so wirkend wie ganz früher, aber schon auch älter. Er erinnerte sich und zeigte Interesse. Aber das schien mir ja auch damals so. Ich war sehr zögerlich und hatte keine Gefühle mehr, die denen von früher ähnelten. Nur eine Art melancholischer Erinnerung. Bedauern, aber auch Gewissheit, da wäre nichts rückwärts gutzumachen. Der Zahn der Zeit hatte alles zerbröckeln lassen. Es ging im Traum noch darum, sich mal zu verabreden, was trinken gehen. Ich wusste für mich, ich würde es nur zusagen, um vielleicht zu erfahren, wie er das damals empfand. Sein Heute interessierte mich nicht mehr. Er zeigte mir noch eine Art Plattenhülle, wie früher bei Vinylplatten, darauf eine Collage mit Fotos, die ihn bei Auftritten zeigten, lauter alte Aufnahmen, die meisten mit E-Gitarre. Das war die Version von damals von ihm. Ich betrachtete die Bilder mit Interesse, um sie dann in die Abteilung vergangener Lieben in meinem ewigen Gedächtnis zu schieben.