16. März 2024

89-06-XX Gaga

Heute Nacht von jemandem geträumt, in den ich um Neunzehnhundertsechsundachtzig, als ich nach Berlin kam, eine ganze Weile sehr verliebt war. Damals war ich Anfang zwanzig und er ungefähr dreiunddreißig. Er arbeitete in einer sehr kleinen, intimen Bar in Schöneberg und sang gerne mit der Musik, die er auflegte, bei der Arbeit hinterm Tresen mit. Spielte auch Gitarre und hatte eine eigene, zwei Stunden lange Radioshow bei einem Berliner Sender. Die kleine Bar in der Winterfeldstraße wurde schnell mein zweites Wohnzimmer. Es gibt sie schon seit fünfunddreißig Jahren nicht mehr. Über Jahre immer wieder mal im Internet geschaut, ob er zu finden ist. Es wurde damals nichts daraus, ich verzehrte mich vergeblich. Er heiratete dann eine Frau, die etwa so alt war wie ich. Nur sie ist im Internet mit einem einzigen Suchergebnis zu finden. Von ihm nichts. Was aber eigentlich auch egal ist. Ich glaube, ich sah ihn fast zwanzig Jahre später von der anderen Straßenseite vor dem Eingang eines Lokals in der Grolmannstraße, wahrscheinlich rauchend. Ich erschrak. Ein älterer Mann, der immer noch dieselbe, aus der Mode gekommene Frisur hatte, längere Locken. Er wirkte verwelkt und hatte nichts mehr von der Ausstrahlung, die mich so angezogen hatte.

Heute Nacht träumte ich, dass ich ihn irgendwo wieder traf, er war altersmäßig stehen geblieben, jünger als bei der Sichtung vor dem Lokal, eher so wirkend wie ganz früher, aber schon auch älter. Er erinnerte sich und zeigte Interesse. Aber das schien mir ja auch damals so. Ich war sehr zögerlich und hatte keine Gefühle mehr, die denen von früher ähnelten. Nur eine Art melancholischer Erinnerung. Bedauern, aber auch Gewissheit, da wäre nichts rückwärts gutzumachen. Der Zahn der Zeit hatte alles zerbröckeln lassen. Es ging im Traum noch darum, sich mal zu verabreden, was trinken gehen. Ich wusste für mich, ich würde es nur zusagen, um vielleicht zu erfahren, wie er das damals empfand. Sein Heute interessierte mich nicht mehr. Er zeigte mir noch eine Art Plattenhülle, wie früher bei Vinylplatten, darauf eine Collage mit Fotos, die ihn bei Auftritten zeigten, lauter alte Aufnahmen, die meisten mit E-Gitarre. Das war die Version von damals von ihm. Ich betrachtete die Bilder mit Interesse, um sie dann in die Abteilung vergangener Lieben in meinem ewigen Gedächtnis zu schieben.
g a g a - 16. Mär, 09:49

ANH
16. März 2024 um 9:27
An sich der Stoff für eine sehr, sehr schöne ruhige Erzählung – in die man, anders als Du hier tust, auch verschiedene „Enden“ einbauen könnte, im Möglichkeitenraum sanft gegeneinander ausbalanziert; die Melancholie – einer sozusagen der Zeit – ergäbe sich dann aus der ausklingenden Ungewißheit, welches dieser „Enden“ denn nun wahr sei. (Du weißt, ich selbst tendiere dazu, j e d e m Ende Wahrheit zu geben.)

Und allein der Erzählraum, diese kleine Bar, wäre ein Novellchen wert.

A.


Gaga Nielsen
16. März 2024 um 9:45
Weil wahre Geschichten auch immer ein bißchen Narbenschmerzen verursachen, selbst wenn sie wirklich vorbei sind, möchte ich das nicht weiter entfalten. Für mich ist es schon ein gewisser Schritt aus der Diskretionszone, dass ich diesen Traum erzählt habe. In meinem Leben gibt es mehrere solcher unerfüllter Lieben. Einige punktuelle Wiederbegegnungen haben das merkliche Altern der einst Begehrten in einen nicht übersehbaren Fokus gerückt. Das schmerzt auch, weil ich wahrnehme, wie stark die Anziehung auch von kraftvoller Körperlichkeit dominiert war. Und von Aufbruchstimmung. Feurigen Zukunftsplänen.

Ich verstehe, wieviel poetisches Potenzial Du darin erkennst. Ja, das hat es. Aber ich kann das nicht schreibend bewältigen.

g a g a - 16. Mär, 14:52

ANH
16. März 2024 um 14:44
„Aber ich kann das nicht schreibend bewältigen“: Jedenfalls (wahrscheinlich) nicht von jetzt auf übermorgen; ist mir klar. Ich, der ich’s könnte, einfach, weil’s mir seit Jahrzehnten Bestimmung und Beruf ist, spürte „nur“ sofort das enorme Potential dieser Geschichte, vor allem auch das ihrer Übertragbarkeit in Herz und Kopf von vielen.

Gaga Nielsen
16. März 2024 um 14:50
Und vielleicht setzt sich die Inspiration ja fort und findet in einen verschlungen Dschungel.
g a g a - 16. Mär, 10:47

Tonspur zur vergeblichen Liebe, damals Tag und Nacht gehört, "Downtown Train" von Tom Waits...

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