Erster Mai! Ich war spazieren. Es hat doch nicht geregnet, bißchen Sonne sogar zuweilen. War im Atelier, habe Scherben von einem zerbrochenen Keramikteller im Bambus-Blumenkasten verteilt. Wenn die Sonne knallt, wird die Erde nicht so schnell trocken und es sieht ganz schön aus. Dann ist mir die Lust vergangen, noch mehr zu machen. Ich war unruhig und wollte was anderes sehen.
Die Kamera eingepackt und Richtung schräg gegenüber, in die Wildnis der Prinzessinnengärten, vormals Friedhof. Da ist eine schöne Magnolie. Mach doch mal so ein typisches Frühlingsfoto vor blühendem Baum, dachte ich mir. Das kommt gut an! Die Magnolie war schon kurz vorm Verblühen. Dann bin ich weiter, mir fiel ein, dass es ein paar hundert Meter weiter noch andere Friedhöfe gibt und auch Magnolien. Da landete ich dann auf einem Friedhof, wo die türkischstämmigen Anwohner ihre Angehörigen bestattet haben. Also unter anderem. Es gibt auch uralte deutsche Gräber, aber jede Menge neue mit türkischer und arabischer Schrift. Viel Text, ich kann das ja leider nicht lesen. Und die neueste Mode ist offenbar, dass man Lieblingsfotos von den Verstorbenen direkt auf den Grabstein appliziert, irgendein digitales Verfahren. Die reinsten Fotoalben in überdimensional.
Ich hab es nicht fotografiert, weil es mir zu persönlich erschienen wäre, wie übergriffig. Sind ja keine Angehörigen von mir. Aber schon ungewohnt, so eine Dame im Bauchtanzkostüm auf einem schwarzen Grabstein zu sehen, lebensgroß. Für meinen Geschmack werden zu viele Herzen verarbeitet, aber es ist nunmal eine Herzenssache. Auch sieht man oft eine Sitzgruppe aus dem gleichen Granit oder Marmor vor dem Grab. Mit Tisch in der Mitte, wie im Gartenlokal. Das muss unfassbar teuer sein. Manche Gräber sind so großformatig, fast schon pyramidenartig, mit mehreren Stufen mit einem Plateau, dass mir nicht mal Berliner Ehrengräber in der Größe einfallen. Also ich fand die alle nicht "schön", aber sehr speziell und so noch nie gesehen.
Dann war ich noch bei einer Magnolie am Ausgang und hab noch mal Frühlingsfotos gemacht und fertig war der Spaziergang! Gibt einem ein bißchen das Gefühl, den ersten Mai angemessen begangen zu haben. Weniger wegen Friedhof, sondern wegen Spaziergang und Magnolien. Jetzt bin ich wieder daheim.
Da fällt mir noch ein, in der U 8 hinwärts hatte ein junger Mann seinen Musikapparat laut aufgedreht und beschallte das Abteil mit "Keine Macht für Niemand". Ich wurde ein wenig sentimental. Oder nein - nicht sentimental - nostalgisch! Ich kam mir für ein paar Minuten wie ein Fahrgast-Komparse in einem Rock-Musical über den ersten Mai in den Achtzigern vor. Er ist am Hermannplatz ausgestiegen, die Hoodie-Kapuze tief ins Gesicht gezogen.
