Am Fenster vom ICE 1105. Berlin - Halle - Erfurt - Nürnberg. Berlin - Brandenburg - Sachsen-Anhalt - Thüringen - Bayern. Ich war innerlich sehr angespannt. Die Tram fuhr schon mal pünktlich zum Hauptbahnhof, der ICE fuhr auch pünktlich los. Er war schon da, als ich zum Bahnsteig kam. Ich wanderte durch die zweite Klasse zum Speisewagen, der fast leer war, bis auf ein paar geschäftig schnatternde Businessfrauen vor ihren Notebooks. Meine Anspannung war nicht nur dem bevorstehenden Abschied geschuldet, sondern auch der Unsicherheit, ob ich zeitig ankomme.
Deswegen hatte ich bei der Zugverbindung schon einen Puffer von gut anderthalb Stunden eingeplant. Um 8:13 fuhr der ICE los, um 12 Uhr sollte er ankommen. Alles lief gemäß Fahrplan. Im Bordbistro bestellte ich mir für meine Verhältnisse ungewöhnlich viel, in recht kurzen Abständen und zu Uhrzeiten, wo ich sonst noch nichts esse, um nicht bei der Beisetzung hungrig zu werden. Meine erste Bestellung war eine kleine Flasche Tonic. Kaffee hatte ich gerade noch zuhause reichlich getrunken. Dann orderte ich das Käseomelett. Des weiteren eine Flasche Coke Zero. Kaum war ich mit dem Omelett fertig, das recht klein war und sehr gut geschmeckt hatte, blätterte ich schon wieder in der Speisekarte, um zeitig eine frühe Mittagsmahlzeit zu bestellen. Ich schwankte zwischen Gemüse-Curry mit Basmatireis und dem Linseneintopf und wählte dann das Curry. Während ich noch an der Cola trank, überlegte ich, ob ich - weil sowieso schon in jeder Hinsicht Ausnahmezustand war - mir zur Mittagsmahlzeit um 11 schon ein Pils dazu bestelle. Aber darauf hatte ich dann nach dem vielen Cola gar keine Lust. Schade eigentlich, aber vielleicht besser so.
Die Business-Damen gingen mir mit ihren lautstarken Gesprächen reichlich auf den Keks, vor allem weil sie bis auf eine Italienerin einen mir ganz unsympathischen Tonfall an den Tag legten. So einen leicht abgehackten, zickigen Duktus, mit nicht einmal
unterschwelligem Befehlston. Ein Gespräch drehte sich um Gehaltsgruppen, es wurde offenkundig, dass man sich hier in höheren Gehaltsgruppen bewegte. Meine Vorurteile bezüglich Personen in sogenannten Führungspositionen wurden kräftig untermauert. Sehr unentspannt und wichtigtuerisch, die vier Grazien. Much Ado About Nothing. Altersmäßig Ende Dreißig, Anfang Vierzig. Eine dreiviertel Stunde vor Ankunft wurde es mir zu bunt, die eine telefonierte in einer Lautstärke mit einem Kunden, als hätte sie dem gesamten Abteil einen Vortrag zu halten. Ich bat sie darum, leiser zu sprechen, wenn sie schon meinte, hier das Zugabteil zu ihrem Home Office machen zu müssen. Was an sich schon sehr unhöflich sei. Ich war ja gut drei Stunden komplett ruhig gewesen, abgesehen von meinen nicht wortreichen Bestellungen beim DB-Servicemitarbeiter. Ich las ein wenig in meinem Buch, machte eine Handvoll Fotos aus dem Fenster, aber guckte hauptsächlich sinnierend auf die vorbeifliegende Landschaft, ohne einen Mucks von mir zu geben. Die eine war direkt in meiner Blickrichtung und schaute manchmal so leicht neugierig. Sie hatte eine besonders unangenehme Stimme. Knödelig-gequetscht und ungeduldig tönten die Laute aus der Führungskraftschnute. Als ich meine Ansage gemacht hatte, klappten vier Kinnladen runter.
Die dachten wohl bislang, ich sei taubstumm. Die extra laut telefonierende, die mit der Knödelstimme, stand impulsiv mit ihrem Telefon auf, kam an mir vorbei, beugte sich kurz runter und zischte mir irgendetwas Unverständliches ins Ohr (evt. eine Boshaftigkeit?) und verließ das Abteil, ich glaube Richtung Klo, wo sie im WC so laut weiter telefonierte, dass es bis nach draußen auf den Flur drang. Ich war satt, vom Essen und von dieser unerquicklichen Gesellschaft, bezahlte und machte mich auf den Weg in ein anderes Abteil. Die Damen in gehobenen Positionen hatten sich jeweils ein einziges Getränk bestellt, wodurch sie ihren Aufenthalt im Speisewagen legitimierten. Ich schämte mich regelrecht für sie. Bis zur Ankunft in Nürnberg setze ich mich noch für eine Weile in die zweite Klasse, auf einen letzten Platz von vier. Links von mir eine sehr alte Dame, die mit seitlich geneigtem Kopf schlief. Ich dachte an meine Mutter. Gegenüber von mir eine junge Frau, vielleicht fünfundzwanzig, die mich freundlich anlächelte, ihren Rucksack justierte, um mir mehr Platz zu machen. Ich lächelte zurück und winkte ab, nicht nötig. Neben ihr ein weiterer Fahrgast, der sich nicht wichtig machte. Lauter angenehme Menschen.
Bei der Ankunft in Nürnberg um zwölf empfing mich der gleiche Hochsommertag wie in Berlin. Bis zur Weiterfahrt mit der S-Bahn in den Vorort von Nürnberg, wo der Friedhof ist, hatte ich noch gut zwanzig Minuten. Ich holte mir als Proviant eine Flasche Tonic im Bahnhofs-Rewe. Die S-Bahn mit Fahrtrichtung Ansbach kam pünktlich. Ich musste aufs Klo und hatte auf die Schnelle im Bahnhof keines gefunden. Erfreut sah ich, dass die S-Bahn in Nürnberg eine Toilette hat. Früher fuhr auf der Strecke, die auch mein Schulweg war, eine Regionalbahn, die hatte natürlich auch ein WC. Da habe ich mal einen aufklappbaren Aschenbecher abgeschraubt, weil er mir so gut gefiel und dann wohl in meinem Zimmer irgendwo angeschraubt. War natürlich geklaut. In der S-Bahn gibt es keine Aschenbecher. Macht nichts, ich rauche nicht.