Die Trauergesellschaft im Café, ich habe mal durchgezählt. Angelika, Claudia, Elvyn, Felix, Gabi, Gaga, Hans, Katharina u. Baby, Lothar, Luise, Lutz, Monika, Namping, Nik, Sabrina, Ulla, Valerian. Wir waren achtzehn. Darunter sechzehn Erwachsene und zwei Babies. Bei der Beisetzung waren es mehr, aber nicht alle konnten oder wollten mitkommen. Ich hatte so kleine Kärtchen vorbereitet, auf denen die Uhrzeit und die Adresse des Cafés stand und hab sie dann noch auf dem Friedhof spontan verteilt. Ich hatte telefonisch bei der Tischreservierung schon mal zwei Sorten Mineralwasser geordert, die auf der langen Tafel bereitstanden, was auch willkommen geheißen wurde. Dann musste ich aber immer wieder auffordern, sich bitte auch noch etwas nach Belieben, egal ob Getränke, Kuchen oder eine sonstige Mahlzeit von der Karte zu bestellen. Einige waren da etwas schüchtern, was ja an sich sympathisch ist. Aber da es keine hundert Leute waren, und man bei so einem Anlass nicht knauserig werden sollte, war mir daran gelegen, dass sich jeder etwas nach Belieben gönnt. Ich wollte mich ja auch nicht vor dem Café blamieren, indem nur preisgünstiges Wasser verzehrt wird. Nach und nach wurden dann doch verschiedene Sachen bestellt. Ich war dann doch recht zufrieden mit meinen Gästen! Ich selber habe mir endlich ein Pils gegönnt und dann noch eins und noch eins. Hunger hatte ich am Nachmittag um drei noch nicht, nach meiner Speisenfolge im ICE.
Es gibt schon noch ein paar mehr Gruppenfotos, aber ich zeige hier nur dieses unscharfe, wegen Diskretion. Nur bei einem noch ziemlich neuen Erdenbürger, meinem kleinen Großneffen Elvyn, möchte ich mir gerne eine Ausnahme erlauben. Ich habe den Sohn von Valerian und Sabrina zum allerersten mal in echt gesehen, vorher nur auf Fotos, und der kleine Großneffe und die große Großtante mussten natürlich "bonden", wie es heute so modisch heißt. Wir haben uns also beschnuppert und keiner hat sich voll Abscheu abgewandt. Das war auch sehr schön. In meinem vorvorletzten Telefonat mit Karin, am Muttertag war das, hatten wir auch über ihren Urenkel gesprochen, den sie noch einmal sehen konnte. Er ist ja erst im März geboren worden und schon so groß!
Sie meinte zu mir
"Man sagt ja immer...wenn die einen kommen, gehen die anderen..." Da sprach Bewußtsein aus ihr, dass sie wusste, dass ihre Zeit auf Erden in nicht ferner Zukunft abgelaufen ist. Und wie süß sie ihn findet, hat sich auch noch gesagt. Für mich war auch schön zu sehen, wie innig das Verhältnis zwischen Valerian und seinem kleinen Sohn ist, seinem ersten Kind. Ein absolutes Wunschkind. Er geht so souverän mit ihm um, hat soviel Nähe und Körperkontakt, das erinnert mich ganz stark an meinen Bruder, wie er mit seinem erstgeborenen Sohn spielerisch hantierte, permanent zärtliche Nähe suchte und pflegte. So schön.
Nach dem Kaffee gab es noch einen kurzen Aufenthalt im Elternhaus, wo ich bald sichten will, was Mama noch an Familienerinnerungen aufbewahrt hat. Briefe, Fotos und natürlich noch mehr Notizbücher, meine kleine Liebhaberei. Ihr dunkelgrünes Tagebuch aus den Fünfziger Jahren hatte ich sofort in einem Karton erkannt, mit goldenem Schloss ohne Schlüssel (inzwischen geknackt), und auch eine Handvoll Briefe aus den Sechzigern und Siebzigern, die ihre Mutter Alma an sie geschrieben hatte. Ein Vielschreiberin! Von einem Aufenthalt in Oberstdorf im Frühling 1964, schrieb sie täglich einen Brief, fieberte mit ihrer hochschwangeren Tochter Karin mit. Aber davon später. Und ich habe das gestickte Bild von meinem Großvater mit nach Berlin genommen und ein schönes, selbst gezimmertes Holzbild von meinem Vater, sieht aus wie ein Tablett, mit gepressten Blättern von Laubbäumen unter der Lasur. Kein Gold, kein Silber, keine Diamanten, keine Aktien, keine Wertpapiere. Nur Briefpapier, Tinte, Stoff, Pappe und Holz. Gedanken und Gefühle. Für mich unermesslich kostbarer. Bekommt Ihr alles bald zu sehen.
