02. Oktober 2018



Mama, Velden am Wörthersee, September 1961. Am Sonntag beim Besuch bei meinen Eltern in Süddeutschland in einer alten Fotokiste gefunden. Ich habe den Abzug selbst gemacht, im Herbst 1981, 23,8 x 17,7 cm, Hochglanz. Ich hatte mich in der Schule zu einem Kurs angemeldet, in dem man lernte, Fotonegative selbst zu entwickeln und Abzüge zu machen. Ich kramte in den vielen Negativstreifen, die sie in Schachteln hatten und fand dieses Urlaubsfoto aus Österreich. Auf dem Bild war meine Mama achtzehn und hatte meinen Vater gerade kennengelernt. Sie war mit einer Freundin in den Ferien in Velden am Wörthersee und frisch verliebt. Als ich ihr mit fünfzehn stolz den Abzug präsentierte, war sie ganz aus dem Häuschen, aber nicht vor Begeisterung. Sie fand es unangemessen, dass ich ein Bild von ihr im Unterkleid ausgewählt hatte, das gehörte sich nicht, was sollten die anderen Mitschüler in meinem Fotokurs von ihr denken. Ich fand es aber sehr schön und konnte ihre Reaktion überhaupt nicht verstehen, sie war ja kein bißchen nackig. Das Bild fängt den Spätsommer so schön ein, mit den Sonnenstrahlen auf dem Fensterladen. Am Sonntag, als ich es aus der Kiste holte und ihr wieder zeigte, lächelte sie erfreut und fand es schön. Sie konnte gar nicht glauben, dass sie vor siebenunddreißig Jahren so unwirsch darauf reagiert hat. In der Kiste war noch ein zweiter, hellerer Abzug davon, den überreichte ich ihr feierlich und sagte ihr, dass sie den haben kann, ich aber den besseren behalte und mitnehme, weil ich das Bild aufhängen will, weil es mir immer noch so gefällt. Es waren drei schöne spätsommerliche Tage bei meinen Eltern, denen es leider nicht mehr so gut geht. Mein Vater wurde am Freitag, dem 28. September sechsundachtzig Jahre alt und er hatte am Wochenende davor einen leichten Schlaganfall, eine Einblutung im Gehirn, er kann sprechen, etwas verzögert, aber es geht. Auch laufen ist möglich. Er hat sich tapfer selbst entlassen und will eine ambulante Reha machen. Ich schlief in meinem alten Zimmer unter dem Dach und hatte nur ganz wackeligen Internetempfang. Aber dafür war ich ja auch nicht da. Es war auch schön, die prächtigen Äpfel mit dem Kescher vom Baum zu holen, so eine schöne Arbeit, wenn die Sonne scheint. Wie die schmecken. Mein Gepäck war ganz schwer, als ich die Rückreise antrat, weil ich so viele Äpfel eingepackt hatte, wie ich nur konnte. Mein Zimmer ist jetzt ein bißchen Abstellkammer geworden, aber ein paar Möbel sind noch von früher da, und viele meiner Jugendbücher. Und die ganzen Bände "Das Beste aus Reader's Digest", das meine Eltern abonniert hatten, das habe ich immer gerne gelesen. Das elektrische Piano links vom kleinen Fenster, in der Dachschräge steht da erst, seit mein Neffe Valerian Klavierunterricht hatte, jetzt ist er auch schon groß. Zu meiner Zeit war da leider kein Klavier. Ich muss öfter meine Eltern besuchen. Es ist eine richtige Zeitreise. An einem Nachmittag saßen wir auf der sonnigen Terrasse und mein Vater fing auf einmal an, Verse von Wiener Liedern zu zitieren. Ganz flüssig. "Ich kenn ein kleines Wegerl im Helenental, das ist für alte Ehepaare viel zu schmal. Die Jungen aber müssen eing'hängt geh'n, und das ist schön, und das ist schön. Das Gras, das dorten wachst, macht keine grünen Fleck', beim ersten Busserl schau'n sogar die Bäume weg, und kriegen dann als Dank dafür ein Herz mit Jahreszahl, am lieben kleinen Wegerl im Helenental." Das hat mich so furchtbar angerührt, dass mir bei "Helental" die Tränen in die Augen geschossen sind. Weil man ja nicht weiß, wie oft man noch mit seinen Eltern auf der sonnigen Terrasse sitzt und seinen Vater solche Zeilen auswendig aufsagen hört. So versonnen saß er da. Es gibt jetzt einen ICE, der schneller fährt, ich muss ihn bald wieder nehmen.
kid37 - 2. Okt, 12:27

Die Fragilität bei den Eltern. Ich stlle das auch so ein bißchen fest. Schön, daß Sie Gelegenheit haben, schöne Momente zu tanken. Das ist auch eine Art Erntezeit.

g a g a - 2. Okt, 12:39

ja... heilsam und traurig zugleich. Man spürt die Zeit so sehr und die Vergänglichkeit. Dazu die schöne Herbstsonne. Man muss es auskosten.
g a g a - 3. Okt, 11:41

stachelbeermond 3. Oktober 2018 um 10:13
So schön! Vielen Dank!

g a g a - 14. Okt, 22:17

Regina 11. Oktober 2018 um 12:03
Man sollte es auskosten, solange sie noch da sind.
Erntezeit ist ein schönes Bild. Heilsam und traurig, ja. Und es hilft, auch später, wenn sie nicht mehr da sind…

Gaga Nielsen 13. Oktober 2018 um 2:13
ja…. ich bin froh, dass die Zeit vorüber ist, in der mir der Kontakt zwanghaft anmutete. Wenn es freiwillig geschieht, ist es so viel bereichernder, sinnvoller.

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