13. Juli 2026

Kein Scherz, den ich mir hier erlaube. Diese von mir und Gemini gezauberte, grauhaarige Frau, schätzungsweise Mitte Siebzig, die mir vergangene Woche am Abend am Hackeschen Markt an der Ampel entgegenkam, trug ein schwarzes Shirt mit dieser weißen Aufschrift "Besser krieg ich es nicht hin. Ich lass es jetzt so." Es kommen einem ja häufiger Leute mit Shirts mit lustig gemeinten Beschriftungen entgegen, aber meistens wirken die dann auch insgesamt juxiger als die Dame, die eher wie eine gestrenge Gouvernante wirkte, die keinerlei Spaß versteht. Aber wer sich so ein T-Shirt anzieht und keine Analphabetin ist, wovon ich einfach mal ausgehe, wird sich ja doch in gewisser Weise der Botschaft bewusst sein. Jedenfalls fiel sie mir dadurch auf. Sie guckte wirklich komplett humorlos aus der Wäsche. Dieser interessante Kontrast war mir ein Erinnerungsbild wert. Leider sehe ich mit zunehmendem Alter ebenfalls erschreckend humorlos aus, wenn ich keinen Anlass habe zu lächeln oder mich einfach konzentriere. Will man natürlich nicht so gerne wahrhaben. Auf gar keinen Fall!



Was ich allerdings ÜBERHaupt nicht leiden kann ist, wenn fremde Leute (Zeitungsverkäufer etc.) einen morgens oder auch abends oder überhaupt auffordern, doch mal zu lächeln. Da kriege ich regelmäßig schlechte Laune, da ich es gouvernantenmäßig erzieherisch finde, den Gesichtausdruck anderer Leute, der einen nichts angeht, zu benoten oder zu belobigen. Wenn ich einen Lächel-Coach brauche, melde ich mich beizeiten! Furchtbar. Es gibt einfach ganz oft keinen Grund, debil herumzulächeln. Es handelt sich vor allem morgens auch um eine Form des Haushaltens mit den eigenen mentalen Kräften. Wenn man erst kurz vorher aus dem Schlaf geglitten ist oder gar gerissen wurde, setzt man die unterbrochene Ruhe dadurch in der Bahn fort. Insofern ist die ältere Frau mit dem kecken Shirt bei mir auch komplett entschuldigt, dass sie ihr Outfit nicht mit einem kessen Lächeln dekorierend ergänzt hat. Zauberhaft hingegen finde ich ein Lächeln, das von Herzen kommt und für das es einen ersichtlichen Anlass gibt, wie neulich bei der süßen Maus im rosa Kleidchen. Wer Bedarf an fake Gelächel und Gegriene hat, kann sich meinethalben gerne stundenlang Duckfaces auf Insta angucken.

13. Juli 2026

Rekondings

12. Juli 2026

Seit Donnerstag Laborieren an einem Kratzen im Hals, halte mit doppelten Aspirin-Gaben dagegen. Bin extrem Zugluft-empfindlich, mitunter ein Eiertanz, einen Sitz- oder auch Stehplatz in der S-Bahn zu finden, wo es nicht wie Hechtsuppe zieht. Klappt man eines der Fenster zu, obwohl noch fünf Fenster auf sind, erntet man teils empörte Blicke. Ich versuche abzuwägen, wie die Leute auf mich wirken, sind es ältere, gibt es meist keinen Protest. Aber hitzige, jüngere Männer rebellieren gerne mal, man könnte denken, sie sind im Klimakterium. Heute Sonnenbad, scheint gut zu tun.



Soziale Kontakte beschränkt auf Freundinnen-Chats. Gestern nostalgische Erinnerungen, wie wir uns vor zehn Jahren wie und warum begegneten. Immer wieder interessant, herzuleiten, was sich woraus ergab. Gerade im Erinnerungsbuch von Hans Werner Richter "Im Etablissement der Schmetterlinge", das Kapitel "Radfahren im Grunewald" über Ingeborg Bachmann gelesen.



Sehr zartfühlendes Portrait, bin angenehm überrascht von seinen feinsinnigen Betrachtungen und sie behutsam in Worte zu fassen.



Im Buch widmet er den Mitgliedern der Gruppe 47 je ein persönliches Kapitel, in dem er von Momenten berichtet, die sich ihm besonders einprägten. Noch nie zuvor las ich in so nachempfindbaren Details, die aber nicht indiskret wirken, wie die facettenreiche Persönlichkeit von Ingeborg Bachmann im Alltag wirkte. Richter hatte mit ihr und Uwe Johnson in ihren Berliner Jahren Mitte der Sechziger einen kleinen Fahrradclub zu dritt gegründet. Es war Bachmanns Idee, auch dass Richter der "Präsident" sein sollte. Wie Kinder beim Cowboy und Indianer spielen sagen: "Du bist der Sheriff!". Auch dass sie zeitweise in ihren Wiener Jahren eine Abneigung gegen Wien artikulierte, war mir vollständig neu, dachte bislang, das sei eine lupenreine Liebe gewesen und dass sie nur gegen München und Berlin Abneigungen hegte, diese auch dezidiert artikulierte. Sie konnte richtig böse Urteile fällen, die gute Inge, gnadenlose Verdikte. Und sogar ihr anfangs und über viele Jahre zutiefst geliebtes Rom, hing ihr zuletzt zum Halse heraus, da wollte sie dann wieder zurück nach Wien, hatte sogar schon eine konkrete Wohnung in Aussicht.



Ein Hin und Her. Sie hatte es nicht leicht. Oder machte es sich nicht leicht, denn insgesamt hatte ihre Lage doch immer erstaunliche Privilegien. Richter erwähnt auch, dass sie einst in Wien, im Prater, beim Riesenradfahren, Anfang der der Fünfziger aussprach, dass sie wisse, dass sie ein kurzes Leben haben werde. Sie sagte es ohne Pathos, wie eine Tatsache, wie wenn man feststellt, dass eine Straße eine Einbahnstraße ist, ein Sachverhalt ohne Interpretationsspielraum. Jetzt bin ich wieder ernst geworden, das passt so gar nicht zu meinen launigen Fotos vom vergangenen Freitag hier, wollte ich aber noch unterbringen.

11. Juli 2026





LiLA. Und das ist die fremde Frau mit dem Hut, die gestern ein kleines Mädchen in der Berliner S-Bahn zum Lächeln brachte.



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