„4.5. (1973) (...) Kein Alkohol, es geht nur strikt; schwierig nur in der Geselligkeit. Wie damals nach der Hepatitis, als ich es neun Monate lang durchhielt: man hört die andern zu genau, sich selber auch. Zeitweise hört man lauter Zeug, das zu streichen wäre; diese Pseudo- Lebhaftigkeit mit lauter ready-made-Gedanken, ready-made- Geschichten, Repetitionen, unter Intellektuellen der flinke Schlagabtausch von Kenntnissen, ohne dass sie der Entstehung eines Gedankens dienen. Später am Abend, der um zehn Uhr schon zu lang wird, kommen die Ressentiments offen zum Zug, teils witzig, oder die Rechthaberei drängt zu Wiederholungen, die von Mal zu Mal etwas schlechter ausfallen; Blödelei als Versöhnung oder Gedankenflucht nach allen Seiten. Ich komme mir wie ein Wächter vor und ekelhaft, dabei habe ich selber wenig zu sagen, wenn nicht Alkohol die Kontrolle aufhebt.
Gestern mit Wilhelm Killmayer, der wie immer nur wenig trinkt; ein guter Abend, mehr als Zeitvertreib. Wenn jeder auf ein paar Gedanken kommt, die er nicht schon gehabt und früher schon ausgesprochen hat, dank der Gegenwart des andern.“
ᴍᴀx ғʀɪsᴄʜ, „ᴀᴜs ᴅᴇᴍ ʙᴇʀʟɪɴᴇʀ ᴊᴏᴜʀɴᴀʟ“, sᴜʜʀᴋᴀᴍᴘ 2014, s. 109
g a g a - 6. Januar 2024, 17:15
„27.3. (1973) (...) Ironie als das billige Mittel, einen Menschen zu reduzieren auf unser eigenes Verständnis.“
ᴍᴀx ғʀɪsᴄʜ, „ᴀᴜs ᴅᴇᴍ ʙᴇʀʟɪɴᴇʀ ᴊᴏᴜʀɴᴀʟ“, sᴜʜʀᴋᴀᴍᴘ 2014, s. 69
g a g a - 6. Januar 2024, 16:59
„13. - 15. (März 1973) in Leipzig (...) Kabarett: wie direkt und unverblümt die Kritik an DDR-Zuständen sich kundgibt, hat mich völlig überrascht. Ziele des Spottes: Waren-Qualität, Tamtam um die Weltjugendfestspiele, die Fernseh-Phrasen, ein Bruder-Besuch aus dem reichen Westen, ein Kollektiv, das einen kollektiven Einfall haben soll und entdeckt, dass Einfälle immer nur ein einzelner hat.“
ᴍᴀx ғʀɪsᴄʜ, „ᴀᴜs ᴅᴇᴍ ʙᴇʀʟɪɴᴇʀ ᴊᴏᴜʀɴᴀʟ“, sᴜʜʀᴋᴀᴍᴘ 2014, s. 50
g a g a - 6. Januar 2024, 15:17
g a g a - 5. Januar 2024, 22:48
g a g a - 5. Januar 2024, 22:17
„18.2.(1973) (…) Beobachtung an Paaren: wenn der eine Partner in Gesellschaft den andern hört und sichtlich irritiert ist, dass dem Partner mehr einfällt (nicht nur stofflich, sondern sprachlich) als zuhause. Alkohol hilft nur in der allerersten Phase. Wieweit kann man, wenn man sich selber nicht zuhört, weil man nur Vorrätiges redet, den andern zuhören? Und wenn dann alle nur noch Vorrätiges reden (was brillant sein mag, aber nicht aus dem Augenblick entsteht) – - “
ᴍᴀx ғʀɪsᴄʜ, „ᴀᴜs ᴅᴇᴍ ʙᴇʀʟɪɴᴇʀ ᴊᴏᴜʀɴᴀʟ“, sᴜʜʀᴋᴀᴍᴘ 2014, s. 42
g a g a - 5. Januar 2024, 13:30
Vielleicht erleben wir in zehn bis fünfzehn, zwanzig Jahren noch weitere, überarbeitete Editionen aus Max Frischs Nachlass seiner Tagebücher. Er selbst hat vielfältige Verfügungen zu seinem Nachlass getroffen, Sperrfristen, aber auch deren Ende. Dass nun der Stiftungsrat des Frisch-Archivs Beschlüsse zu editorischen Aussparungen fasst, die mit Persönlichkeitsrechten begründet werden, müssen sich auf die Witwe Marianne beziehen, ggf. noch seine drei Kinder. Alle nunmehr auch betagt bis hochbetagt. It's complicated. Im "Berliner Journal", das er erkennbar für die Nachwelt bereits selbst editiert hatte, ins Reine geschrieben, die Veröffentlichung im Blick, wurden beträchtliche Teile in der veröffentlichten Edition ausgespart. Es basiert auf fünf Ringbüchern, die Frisch als Hefte bezeichnete. Im Buch sind nur Passagen von zwei Heften, auch diese mit durch den Stiftungsrat veranlassten Aussparungen. Das Journal von 1973 zeigt nur Einträge ab dem Umzug nach Berlin im Februar und endet im Juni 1973. Dann geht es 1974 im Februar weiter. Frisch verbrachte den Sommer mit Marianne in Berzona. Er schrieb immer Tagebuch, durchgängig. Bachmann verunglückte Ende September 73 mit der Brand verursachenden Zigarette in ihrem Badezimmer in Rom, starb am 17. Oktober 1973. Hier ist die größte Lücke. Es handelt sich um 31 Seiten, die ausgespart, zensiert wurden. Frisch hat später in anderen Veröffentlichungen die Konfrontation mit Bachmanns Tod teilweise verarbeitet. In Triptychon, dem dritten Teil. Dort findet ein imaginiertes Gespräch mit Ingeborg Bachmann statt, als Gespräch mit einer Toten, die in der Lage ist, sich zu äußern. Diese Verarbeitung hat er zu seinen eigenen Lebzeiten transparent und öffentlich gemacht. Aber es gibt keine Verfügung seinerseits, nach Gutdünken in den der Veröffentlichung anheim gestellten Tagebüchern Passagen auszusparen, sobald die Sperrfrist vorbei ist. Ich denke hier immer wieder einmal laut vor mich hin. Für die einen oder anderen Interessenten am Bachmann-Frisch-Komplex.
g a g a - 4. Januar 2024, 23:25
ʙᴇʀʟɪɴ, ᴍɪᴛᴛᴡᴏᴄʜ, 3. ᴊᴀɴᴜᴀʀ 2024, ᴍᴏʀɢᴇɴᴅᴀ̈ᴍᴍᴇʀᴜɴɢ, 9:00 ᴜʜʀ.
Regen an meinem Fenster. Blöd geträumt. Oder war das schon gestern und geht mir immer noch nach? Keine spektakulären Begenheiten im Traum, nur starke Gefühle. Erkaltete, gleichgültige Blicke. Ein Blick von jemandem in meine Richtung, der so abgekühlt und befremdend war, wie ich es nach all den Jahren nicht erwartet hätte. Man war doch schon in kultiviert friedlichem Einvernehmen. Ein Szenario, wie eine Einladung in einer Wohnung zu einer Geburtstags- oder sonstigen Gesellschaft. Buntes kaltes Buffet. Da sitzt der frühere Verehrte und sticht mit der Gabel in Kartoffelsalat auf einem Pappteller, links und rechts von ihm seine Begleitung, evt. Familie. Ich bekomme einen Brotaufstrich aus Frischkäse empfohlen, der in einem Regal in Keramiktöpfchen steht, schmeckt wirklich sehr gut auf dem frischen Brot. Ich bin hin- und hergerissen zwischen dem Genuss und dem unfassbar kalten Blick von ihm, den ich selten so tatsächlich erlebte. Nur ein-, zweimal, und das sehr erschütternd für mich. Aber das ist so lange her und vorbei und - aber vielleicht doch nicht geheilt. Es gibt ein paar Momente, Begegnungen in meinem Leben, die mich beim daran Erinnern heute noch frösteln lassen. Zu allem Überfluss habe ich diese Begegnungen auch noch meistens fotografisch eingefangen, weil ich dauernd die Kamera dabei hatte. Ich würde die Alben, die Fotostrecken sofort finden. Auf den Bildern sieht man mir das Erschrecken nicht an. Ich habe mich beherrscht. Für die Ewigkeit.

g a g a - 3. Januar 2024, 22:35
g a g a - 3. Januar 2024, 21:59
g a g a - 3. Januar 2024, 21:44