20. Dezember 2023
Seit zwei Tagen klöpplehäklestrickefrickle ich an einem längeren Eintrag, der sich um Entstehungshintergründe von Max Frischs "Mein Name sei Gantenbein" dreht, und die Rolle, die Ingeborg Bachmann beim Entstehen dieses Werks, aber auch im Buch selbst spielt. Ich habe da eine recht eigene, spannende Theorie entwickelt. Aber ungeachtet dessen, gibt es Passagen, die mich unabhängig von den Absätzen mit Bachmann-Frisch-Beziehungs-Interna beeindrucken. Um das nicht durcheinanderzuwerfen, nachfolgend das für mich gehaltvollste Kapitel im Gantenbein. Ich ging sofort mit der "Höllen"-Empfindung mit. Offenbar ist mir recht nah, wie Max Frisch tickt.
"Ich stelle mir die Hölle vor:
Ich wäre Enderlin, dessen Mappe ich trage, aber unsterblich, so, daß ich sein Leben, meinetwegen auch nur einen Teil seines Lebens, ein Jahr, meinetwegen sogar ein glückliches Jahr, beispielsweise das Jahr, das jetzt beginnt, noch einmal durchzuleben hätte mit dem vollen Wissen, was kommt, und ohne die Erwartung, die allein imstande ist, das Leben erträglich zu machen, ohne das Offene, das Ungewisse aus Hoffnung und Angst. Ich stelle es mir höllisch vor. Noch einmal: euer Gespräch in der Bar, Geste für Geste, seine Hand auf ihrem Arm, ihr Blick dazu, seine Hand, die zum ersten Mal über ihre Stirne streicht, später ein zweites Mal, euer Gespräch über Treue, über Peru, das er als Land der Hoffnung bezeichnet, alles Wort für Wort, euer erstes Du, vorher das Gerede über die Oper, die ihr dann versäumt, die Pfiffe aus einem nächtlichen Güterbahnhof, Pfiffe und Echo der Pfiffe, und es läßt sich nichts überspringen, kein Geräusch, kein Kuß, kein Gefühl und kein Schweigen, kein Erschrecken, keine Zigarette, kein Gang in die Küche, um Wasser zu holen, der euren Durst nicht löschen wird, keine Scham, auch nicht das Ferngespräch aus dem Bett, alles noch einmal, Minute um Minute, und wir wissen, was folgt, wir wissen und müssen es noch einmal leben, sonst Tod, leben ohne Hoffnung, daß es anders kommt, die Geschichte mit dem Schlüssel im Briefkasten, Ihr wiẞt, es wird klappen, nachher die öffentliche Waschung am Brunnen, die Arbeiter-Bar, Sägemehl auf dem steinernen Boden, keine Minute ist anders, als ich es schon weiß, keine Minute ist auszulassen und kein Schritt und kein Espresso und nicht die vier Brötchen, das nasse Taschentuch in der Hose, Enderlin winkt, es ist dasselbe Taxi, aber ich weiß, daß er später aussteigen wird. um Tauben zu füttern, all das noch einmal, auch der Schreck mit dem Zettel, der Irrtum, die Wehmut, der Schlaf unter Preßluftbohrern, die draußen den besonnten Belag einer Straße aufreißen, und später das Warten auf dem Flugplatz Flight number seven-o-five, Nebel in Hamburg, und was folgt: Abschied in Hoffnung, daß es keine Geschichte wird, Wiedersehen, Schluß und Umarmung, Abschied, Briefe und Wiedersehen in Straßburg, Schwierigkeiten allerenden, Leidenschaft, Zauber ohne Zukunft, ja, ohne Zukunft - aber ich weiß die Zukunft: Das Glück in Colmar (nach Besichtigung des Isenheimer Altars und auf dem Weg nach Ronchamp) ist weder euer letztes, wie Ihr fürchtet, noch euer höchstes; trotzdem muß es noch einmal gelebt werden, genau so, inbegriffen der Abschied in Basel, der Abschied auf immer, genau so, ja, aber mit dem Wissen, was folgt. Alle Geschenke, die man einander gemacht hat, müssen noch einmal geschenkt werden, noch einmal eingepackt und mit Schleife verschnürt, noch einmal aufgeschnürt und bewundert, mit Entzücken bedankt. Auch Mißverständnisse, die eine halbe Reise verderben, müssen noch einmal gemacht werden, Zerwürfnisse, worüber man erst später lachen kann, alles muß noch einmal gedacht und empfunden werden, jedes Gespräch noch einmal gesprochen, obschon ich weiß, wie oft es sich noch wiederholen wird, und noch einmal sind die gleichen Briefe aus dem Kasten zu nehmen, aufzureißen mit klopfendem Herzen, und noch einmal sind alle Pläne zu planen mit dem Wissen, wie alles anders kommt, wochenlang sucht Ihr ein Grundstück, Ihr verhandelt, Ihr kauft und macht euch Sorgen, die sich erübrigen, Hoffnungen, die euch beseligen, ich weiß, daß nie gebaut wird, trotzdem ist das Grundstück auszumessen, alles für die Katz, aber am Schicksal ist nichts zu ändern, obschon Ihr's kennt, und noch einmal gehe ich an die Tür, um herzlich zu begrüßen den Mann, der dazwischen kommt, noch einmal frage ich, was er wünsche, Whisky oder Gin, noch einmal meine Witze, mein Argwohn, meine Großmut, mein ahnungsloser Sieg, noch einmal eure Fahrt mit der Panne, meine sorgenreiche Nacht, noch einmal die trauten Zeiten des Gleichmuts, ich schreibe ihm noch einmal einen Gruß auf die Ansichtskarte, jenen launigen Gruß, den ich ohne Wissen schrieb, genau so, aber ich weiß, und noch einmal kocht der Kaffee, um kalt zu werden nach deinem Geständnis, ich weiß, ich weiß, trotzdem habe ich noch einmal zu fluchen und durchs Zimmer zu laufen und zu fluchen genau so, noch einmal das Glas, das an der Wand zerknallt, die Scherben, die ich aufwische, genau so, ja, aber alles mit dem Wissen, wie es weitergeht: ohne die Neugierde, wie es weitergeht, ohne die blinde Erwartung, ohne die Ungewißheit, die alles erträglich macht -
Es wäre die Hölle.
Enderlin, eine Zeitung blätternd, tut, als höre er nicht zu; die Lage ist gespannt; er genießt es, nicht zu wissen, was morgen in der Zeitung stehen wird, nicht mit Gewißheit zu wissen -
Es wäre die Hölle.
Erfahrung ist ein Vorgeschmack davon, aber nur ein Vorgeschmack; meine Erfahrung sagt ja nicht, was kommen wird, sie vermindert nur die Erwartung, die Neugierde - (...) Ihr wollt keine Geschichte. Keine Vergängnis. Keine Wiederholung."
ᴍᴀx ғʀɪsᴄʜ, ᴍᴇɪɴ ɴᴀᴍᴇ sᴇɪ ɢᴀɴᴛᴇɴʙᴇɪɴ, sᴜʜʀᴋᴀᴍᴘ 1964, s. 189 - 193
"Ich stelle mir die Hölle vor:
Ich wäre Enderlin, dessen Mappe ich trage, aber unsterblich, so, daß ich sein Leben, meinetwegen auch nur einen Teil seines Lebens, ein Jahr, meinetwegen sogar ein glückliches Jahr, beispielsweise das Jahr, das jetzt beginnt, noch einmal durchzuleben hätte mit dem vollen Wissen, was kommt, und ohne die Erwartung, die allein imstande ist, das Leben erträglich zu machen, ohne das Offene, das Ungewisse aus Hoffnung und Angst. Ich stelle es mir höllisch vor. Noch einmal: euer Gespräch in der Bar, Geste für Geste, seine Hand auf ihrem Arm, ihr Blick dazu, seine Hand, die zum ersten Mal über ihre Stirne streicht, später ein zweites Mal, euer Gespräch über Treue, über Peru, das er als Land der Hoffnung bezeichnet, alles Wort für Wort, euer erstes Du, vorher das Gerede über die Oper, die ihr dann versäumt, die Pfiffe aus einem nächtlichen Güterbahnhof, Pfiffe und Echo der Pfiffe, und es läßt sich nichts überspringen, kein Geräusch, kein Kuß, kein Gefühl und kein Schweigen, kein Erschrecken, keine Zigarette, kein Gang in die Küche, um Wasser zu holen, der euren Durst nicht löschen wird, keine Scham, auch nicht das Ferngespräch aus dem Bett, alles noch einmal, Minute um Minute, und wir wissen, was folgt, wir wissen und müssen es noch einmal leben, sonst Tod, leben ohne Hoffnung, daß es anders kommt, die Geschichte mit dem Schlüssel im Briefkasten, Ihr wiẞt, es wird klappen, nachher die öffentliche Waschung am Brunnen, die Arbeiter-Bar, Sägemehl auf dem steinernen Boden, keine Minute ist anders, als ich es schon weiß, keine Minute ist auszulassen und kein Schritt und kein Espresso und nicht die vier Brötchen, das nasse Taschentuch in der Hose, Enderlin winkt, es ist dasselbe Taxi, aber ich weiß, daß er später aussteigen wird. um Tauben zu füttern, all das noch einmal, auch der Schreck mit dem Zettel, der Irrtum, die Wehmut, der Schlaf unter Preßluftbohrern, die draußen den besonnten Belag einer Straße aufreißen, und später das Warten auf dem Flugplatz Flight number seven-o-five, Nebel in Hamburg, und was folgt: Abschied in Hoffnung, daß es keine Geschichte wird, Wiedersehen, Schluß und Umarmung, Abschied, Briefe und Wiedersehen in Straßburg, Schwierigkeiten allerenden, Leidenschaft, Zauber ohne Zukunft, ja, ohne Zukunft - aber ich weiß die Zukunft: Das Glück in Colmar (nach Besichtigung des Isenheimer Altars und auf dem Weg nach Ronchamp) ist weder euer letztes, wie Ihr fürchtet, noch euer höchstes; trotzdem muß es noch einmal gelebt werden, genau so, inbegriffen der Abschied in Basel, der Abschied auf immer, genau so, ja, aber mit dem Wissen, was folgt. Alle Geschenke, die man einander gemacht hat, müssen noch einmal geschenkt werden, noch einmal eingepackt und mit Schleife verschnürt, noch einmal aufgeschnürt und bewundert, mit Entzücken bedankt. Auch Mißverständnisse, die eine halbe Reise verderben, müssen noch einmal gemacht werden, Zerwürfnisse, worüber man erst später lachen kann, alles muß noch einmal gedacht und empfunden werden, jedes Gespräch noch einmal gesprochen, obschon ich weiß, wie oft es sich noch wiederholen wird, und noch einmal sind die gleichen Briefe aus dem Kasten zu nehmen, aufzureißen mit klopfendem Herzen, und noch einmal sind alle Pläne zu planen mit dem Wissen, wie alles anders kommt, wochenlang sucht Ihr ein Grundstück, Ihr verhandelt, Ihr kauft und macht euch Sorgen, die sich erübrigen, Hoffnungen, die euch beseligen, ich weiß, daß nie gebaut wird, trotzdem ist das Grundstück auszumessen, alles für die Katz, aber am Schicksal ist nichts zu ändern, obschon Ihr's kennt, und noch einmal gehe ich an die Tür, um herzlich zu begrüßen den Mann, der dazwischen kommt, noch einmal frage ich, was er wünsche, Whisky oder Gin, noch einmal meine Witze, mein Argwohn, meine Großmut, mein ahnungsloser Sieg, noch einmal eure Fahrt mit der Panne, meine sorgenreiche Nacht, noch einmal die trauten Zeiten des Gleichmuts, ich schreibe ihm noch einmal einen Gruß auf die Ansichtskarte, jenen launigen Gruß, den ich ohne Wissen schrieb, genau so, aber ich weiß, und noch einmal kocht der Kaffee, um kalt zu werden nach deinem Geständnis, ich weiß, ich weiß, trotzdem habe ich noch einmal zu fluchen und durchs Zimmer zu laufen und zu fluchen genau so, noch einmal das Glas, das an der Wand zerknallt, die Scherben, die ich aufwische, genau so, ja, aber alles mit dem Wissen, wie es weitergeht: ohne die Neugierde, wie es weitergeht, ohne die blinde Erwartung, ohne die Ungewißheit, die alles erträglich macht -
Es wäre die Hölle.
Enderlin, eine Zeitung blätternd, tut, als höre er nicht zu; die Lage ist gespannt; er genießt es, nicht zu wissen, was morgen in der Zeitung stehen wird, nicht mit Gewißheit zu wissen -
Es wäre die Hölle.
Erfahrung ist ein Vorgeschmack davon, aber nur ein Vorgeschmack; meine Erfahrung sagt ja nicht, was kommen wird, sie vermindert nur die Erwartung, die Neugierde - (...) Ihr wollt keine Geschichte. Keine Vergängnis. Keine Wiederholung."
ᴍᴀx ғʀɪsᴄʜ, ᴍᴇɪɴ ɴᴀᴍᴇ sᴇɪ ɢᴀɴᴛᴇɴʙᴇɪɴ, sᴜʜʀᴋᴀᴍᴘ 1964, s. 189 - 193
g a g a - 20. Dezember 2023, 14:58