26. Oktober 2012
Nie habe ich einen Grund gesehen, mich mit den religiösen Gefühlen des sehr geschätzten Malers Emil Nolde zu beschäftigen. Auch nicht unbedingt an diesem zweiten April Zweitausendzwölf. Ich wollte viel mehr endlich die Räumlichkeiten sehen, der noch nicht so lange existierenden Berliner Dependance der Nolde Stiftung in der Jägerstraße am Gendarmenmarkt. Am ersten Montag eines Monats ist der Eintrittspreis reduziert. Das kann man alles auf der Seite der Stiftung nachlesen. Es gibt dort keine feste Ausstellung, sondern wechselnde Exponate aus seinem gesamten Lebenswerk. Ich kann mich nicht genau erinnern, ob ich wusste, welches Bild mich dort unter anderen erwarten würde. Ich bin keine Freundin von Jesus-Darstellungen, obgleich ich auf Anweisung des Religionslehrers als Kind einige schöne Bilder vom Jesus-Leben gemalt habe. Für "Jesus geht über's Wasser" hat er mir sogar als Preis - die anderen Kinder durften abstimmen, welches das Schönste ist - eine Muschel aus Papua Neuguinea geschenkt. Die habe ich heute noch. Er hat sie selber mitgebracht, er war nämlich dort, wahrscheinlich um den Heidenkindern die "frohe Botschaft" näherzubringen. Oder aus ethnologischem Interesse. Wahrscheinlich eine Mischung. Er war sehr locker drauf, wir mochten ihn gerne. Locken hatte er, wirre Locken. Aber ich wollte ja über die Ausstellung in der Nolde-Stiftung schreiben. Natürlich ist Fotografieren strengstens verboten, was ich auch fast vollständig berücksichtigt habe. Schade nur, dass ich den neunteiligen Altar mit dem Jesus-Leben nicht abgelichtet habe. Das war so ziemlich das comic-hafteste, was ich je von Nolde gesehen habe. Die Farben ganz frisch und knallig. Schon eher Pop Art als Expressionismus. Man muss sich den Eindruck vorstellen wie von einer riesigen Seite mit neun biographischen Cartoons und in der Mitte der arme Jesus recht groß am Kreuz. Religiös berührt hat mich das nicht, aber ich war durchaus von den Socken. Beinah ungelenk gepinselt wirkte es, wie von Kinderhand, unheimlich naiv. Und unheimlich neu. Als hätte es gerade eben eine begeisterte Kinder-Malklasse fertiggestellt. Warum ich aber so von den Socken war, war nicht nur die unverblümte Malweise, sondern die Erkenntnis, die Tatsache, dass ich vor einem der überlebenden Werke aus der Nazi-Ausstellung von 1937 "Entartete Kunst" stand. Es war nicht nur irgendein Exponat in der anprangernden Bilderschau, sondern das Werk, das im Mittelpunkt der Häme stand. Kein Maler war in der Ausstellung mit so vielen Bildern wie Emil Nolde vertreten. Dass es nicht vernichtet wurde, verwundert mich. Aber auch nur im ersten Moment. Die Nazis wussten durchaus um den Verkaufswert expressionistischer Kunst im Rest der Welt. Albert Speer liebte die Bilder von Nolde und besaß eine bemerkenswerte Gemäldesammlung, in deren Anfängen auch expressionistische Malerei einen Platz fand. Man erfährt davon in seinen Erinnerungen, die ich vor einiger Zeit las. Er war auch nicht der einzige in Hitlers Dunstkreis, der den Wert erkannte, allerdings verständigte man sich, nachdem Hitler definiert hatte, was entartet sei, stillschweigend darauf, bestimmte Werke auch nicht mehr in privaten Räumlichkeiten zu zeigen, zu denen Hitler unter Umständen Zugang hatte. Die Bilder wurden kurzerhand im stillen Kämmerchen gebunkert oder verschachert. Das ging mir durch den Kopf, als ich davor stand. Der Altar scheint in Familienbesitz geblieben zu sein, wenn ich nicht irre. Ich bin immer noch keine Freundin von Jesus-am-Kreuz-Gepinsel, es gab aber auch ein erotisierendes religiöses Bild, irgendeine Frau mit viel Rot und Schwarz und einem feurigen Blick, das mir sehr gefiel (finde ich gerade leider nicht). Dass sich religiöse Gefühle und Erotik ausschließen, hat der liebe Gott ja Gott sei Dank auch nie behauptet. Die übrigen Bilder fand ich eher uninteressant, zum Teil sogar misslungen. Zu plakativ, mitunter plump, uninspirierend. Sehenswert jedoch ist die Ausstellungsarchitektur. Nobel, elegant und großzügig, wie es sich in der Jägerstraße gehört. State of Art.


g a g a - 26. Oktober 2012, 02:35
Seine religiösen Motive bergen tatsächlich etwas karikatureskes. Wobei... - darf manfrau ja garnicht sagen - ich generell dieses nackige, belendenschurzte im Leiden sich hingebende Firmenlogo der größten deutschen Glaubens-GmbH als nicht unkomisch befinde. Liegt wohl an meinem recht speziellen Humor. ^v^
P.S.
http://gaga.twoday.net/stories/97016624/
http://www.flickr.com/photos/gaganielsen/sets/72157629654401828/