06. Oktober 2026


"Ciao Ciao" heißt das Lokal am Ende der Seebrücke, sehe ich beim Seitenblick, vorbeilaufend. Nun stehe ich in der abendlichen blauen Stunde in Heringsdorf, im Centrum, dem Herzen des traditionsreichen Seebads. Flaniere am überdimensionalen Strandkorb (nicht fotografiert) vorbei und sehe ein festlich beleuchtetes, staatstragend wirkendes Bauwerk, oft als Casino bezeichnet. Es beherbergt aber keine Spielbank mehr, sondern ein Restaurant und ein Modegeschäft. Das klassizistisch angehauchte Gebäude mit dem eindrucksvollen Sandstein-Relief am Giebel, strahlt wie ein Festspielhaus und wirkt älter, als es ist. Tatsächlich wurde es 1947 errichtet. Das entnehme ich der Kaiserbäder-Seite, wo das Gebäude als "Kulturhaus Heringsdorf" geführt wird:

"Für das im Februar 1946 durch ein Feuer zerstörte Strandcasino wurde 1947 im Auftrag der sowjetischen Militäradministration (SMAD) ein Kulturhaus errichtet. Es umfasste einen repräsentativen Theatersaal mit 750 Plätzen und gastronomische Einrichtungen. Das Giebel-Mosaik stammt von der Bildhauerin Karla Lucie Friedel. Nachdem 1948 im neuen Kulturhaus die ersten Gäste empfangen wurden, übertrug die SMAD 1950 das heute denkmalgeschützte Gebäude der Gemeinde Heringsdorf. Nach der Deutschen Einheit wurde es privatisiert, ab 1993 saniert und durch den 1996 fertiggestellten Anbau eines Hotels (Hotel Kaiserhof) zum „Forum Usedom“ erweitert. 1997 wurde die Renovierung des Theatersaals abgeschlossen. In den früheren gastronomischen Bereichen war von 1998 - 2014 eine Spielbank untergebracht. Inzwischen befinden sich dort eine Modeboutique und Gastronomie. Der Theatersaal trägt heute den Namen „Kaiserbädersaal“ und gehört mit seinen 665 m² Fläche zu den größten und schönsten Veranstaltungszentren der Insel Usedom."

Schon von Weitem sind massenkompatible Elektrobeats zu hören, ein DJ steht an seinem Pult auf dem Platz davor, neben ihm eine kleine Champagnerbar und Werbung für "Bier für vier" (Euro sind gemeint). Es ist Samstagabend, noch gibt es Saisongäste aller Generationen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie zwar dort stehen, als erwarten sie eine Performance, aber selbst entweder gar nicht oder nur sehr zögerlich zum Rhythmus wippen. Obwohl mich die Musik nicht sonderlich packt, freue ich mich, dass es dort immerhin ein belebendes Angebot gibt und sogar Getränke bester Qualität. Mein Blick streift die Menge, ich male mir kurz aus, wie es wäre, wenn ich (als einzige) zu tanzen begänne, Platz wäre da. Aber die verhalten dreinblickende, reglose Gesellschaft macht mir so gar keine Lust. Ich würde wohl noch seltsamer taxiert werden, als ohnehin. Gelächelt wird hier wenig. Mir dämmert, mir fehlt der Stallgeruch. Ich bin hier scheinbar eine Art Ausländerin. Allein unterwegs, mit komischem großen Hut, gelegentlich alte Fassaden mit der Kamera fokussierend. Komme mir vor wie Katherine Hepburn in "Traum meines Lebens", wo sie sich als älteres Fräulein mit ihrer kleinen Filmkamera ihren Reisetraum Venedig erfüllt. Ein nicht einzuordnendes Frauenzimmer. Fremdenzimmer.
g a g a - 6. Oktober 2026, 16:58


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