10. März 2024





Ina und ich waren gestern Abend in der Österreichischen Botschaft beim Österreichischen Kulturforum, um der Eröffnung der Ausstellung zu Ingeborg Bachmann beizuwohnen. Aufgrund der staatstragend anmutenden Anmeldevorschriften phantasierte ich einen staatstragenden Festakt mit dem Charme alter k. u. k.-Tradtition. Die Gästeliste wurde am Eingang abgehakt und dann ging es in den Raum, in dem vorab als Auftakt eine Lesung mit musikalischer Untermalung stattfand. Es musizierte die österreichische, elektroakustische Harfe Spielerin Martina Stock, die eigene Stücke vortrug, von Percussion aus der Konserve begleitet, was musikalisch durchaus beeindruckend war. So ging es los, filigran und atmosphärisch. Dann las die Schauspielerin Barbara Sotelsek, die von weitem sehr ähnlich wie Vicky Krieps ausschaute (die Bachmann-Darstellerin im Trotta-Film) Texte von Bachmann, aus ihrem Kriegstagebuch (als sie noch unter zwanzig war, Schülerin in Klagenfurt). Sie las recht gut, die Texte waren auch intensiv (mir bereits geläufig). Dann wieder Harfenmusik. Dann wurde wieder gelesen, dann wieder Harfe, dann wieder gelesen. Eine Stunde war verstrichen, ich scharrte innerlich ein wenig mit den Füßen, war ich doch vor allem neugierig auf die Ausstellung. Bachmann-Texte lesen kann ich ja recht gut selber, und hatte es weitgehend auch schon getan. Nun war nach einer guten Stunde doch der Zeitpunkt der Ausstellungseröffnung gekommen. Vom Erdgeschoss ging es nun in den dritten Stock unters Dach. Ich ging schnell noch aufs Klo. Oben angekommen, erfasste ich recht schnell, dass die als mit "noch nie gesehenen Fotografien" angekündigte Ausstellung offenbar mit einem festen Blick auf Einhaltung eines Budgets konzipiert wurde. Es wirkte eher unaufwändig und weniger staatstragend als erwartet.





Das Publikum hatte sich nicht merklich herausgeputzt - ich war da etwas overdressed in meinem schwarzen Abendanzug mit volantreicher Rüschenbluse. Rechts vom Ausgang des Ausstellungsbereichs unterm Dach stand ein längerer Tisch mit Weißwein, Rotwein und Wasser, es wurden der aktuellen Tradition in Restaurants entsprechend, halb gefüllte Gläser gereicht. Die Ausstellung selbst hatte - und da war ich etwas perplex - keinerlei Exponate im Sinne von meinerseits erwarteten Erstausgaben von Bachmanns Erstveröffentlichungen oder handschriftlichen Originalmanuskripten oder sorgsam hinter Passepartout gerahmte Originalfotografien, oder sogar ihren Schreibtisch, der nun wieder in Klagenfurt steht - etwas derartiges hatte ich mir erhofft. Nein. Weit gefehlt. Die gesamte Ausstellung besteht ausschließlich aus ca. 20 - 25 sogenannten Roll ups. Das ist keine Leckerei aus der asiatischen Küche, sondern senkrecht gespannte Banner aus bedruckter Kunststoff-Folie, die klassisch zum Zubehör von Messen und Werbeveranstaltungen gehören. Also Werbe-Aufsteller. Auf diesen rund zwanzig Reklame-Aufstellern waren biographische Daten, Textfragmente von Bachmann und locker eingestreute Fotos, die ich durchweg kannte. Allerdings habe ich ein recht großes Privatarchiv mit Bachmann-Material, Büchern und Bildbänden. So waren mir sämtliche biographische Eckdaten bekannt, auch die Zitate waren mir nicht neu, ich scannte kurz quer und war bald durch und leider nicht beeindruckt. Das einzige, was mich länger hätte fesseln können, war eine Filmdokumentation, die auf einem winzigen Ipad auf einem Stativ in einer Ecke zu sehen war, der Ton superleise, italienische Untertitel, es war sinnlos etwas vom Inhalt zu erfassen, ohne sich direkt mit dem Kopf zum Gerät herunterzubücken, um den Ton zu hören, dann hätte man das Bild aber nicht gesehen. Den Film hatte ich bereits online gesucht, da ist er aber nicht zu finden, auch nicht bestellbar, es gibt nur kurze Ausschnitte auf youtube. Der Film auf einer Projektionswand hätte die Ausstellung für mich besuchenswerter gemacht. Vielleicht ist so eine Form der Ausstellung sinnvoll für einer neunte oder zehnte Klasse, wo die Lehrkraft der Deutschstunde auf diesem Wege bequem, Schaffen und Werk von Ingeborg Bachmann anteasern kann. Aber für Kenner der Materie ist das kein Erlebnis. Wir sind recht bald Richtung Potsdamer Platz und landeten im Restaurant Essenza, einem eher hochpreisigen Italiener mit ganz schönem Ambiente und dort haben wir es uns gut gehen lassen. Der Potsdamer Platz ist leider eher eine kulinarische Wüste, da waren wir wohl dann in jeder Hinsicht an der ersten Adresse, nämlich "Potsdamer Platz 1".











g a g a - Do, 11. Apr, 10:09

Maria R.
White Art

g a g a - Do, 11. Apr, 19:41

Lydia G.
Farblich und förmlich abgestimmtes Menü! Der Teller wie der Pullover, und das kulinarische Häppchen auch noch.. 😄


Gaga Nielsen
Ina hatte vor dem Dessert ein Pastagericht, welches ebenfalls in Farbe und Formgebung korrespondiert hat, leider nicht fotografiert. Aber auch mein Teller passte zu meinem schwarzen Outfit: auf einem quadratischen schwarzen Keramikteller gab es Thunfischsteak mit Zubehör, mein Dessert war ebenfalls dunkel gehalten.

g a g a - Do, 11. Apr, 19:58

Gaga Nielsen
Doppelportion Mousse au chocolat 🙂
g a g a - Sa, 13. Apr, 08:11

Eckart Britsch
Rom mit „Todesarten“ überschreiben, ist falsch. Beim richtigen Italiener gibt es keine Mousse au chocolat, so Hauptstadt aufgebrezelt mit zwei Brombeeren und einer Himbeere. Gut beschrieben. Danke. Eine Botschaft, die nicht die Künstlerin ehrt, sondern sich selbst. Die Bachmann, mit der man nichts falsch machen kann, sagt der Event-Clown.

Gaga Nielsen
gaganielsen.com/2024/03/21/21-marz-2024

Eckart Britsch
Die längste Zeit in Rom war glücklich.

Gaga Nielsen
Die Jahre von 1966 bis 1973 in Rom waren dominiert von Bachmanns Abhängigkeit von Seresta, Schlaftabletten, Nikotin und Alkohol, sie zwang sich dennoch zu verordneten Vormittagsspaziergängen mit einer Freundin, danach verließ sie kaum ihre Wohnung und arbeitete an "Todesarten", ihrem letzten Roman-Zyklus, den sie selbst so betitelte. Es ist wohl zutreffender zu sagen "in Rom war sie weniger unglücklich als andernorts."

g a g a - So, 14. Apr, 10:02

Eckart Britsch
1968 bekam Bachmann den Großen Österreichischen Staatspreis. Das Bild von „der gefallenen Lyrikerin“ gehört zum „Frauenmythos“, der sich erst in den siebziger und achtziger Jahren entstanden ist, die das Werk als massive Anklage gegen das Patriarchat gesehen hat. Die gewaltsame Unterwerfung gab es in Leben von Ingeborg Bachmann nicht. Ihr Leben war viel komplexer als das es sich die benutzten Narrative reduzieren lässt. Sie schreibt „Rom ist für mich eine selbstverständliche Staat, man pilgert heute nicht mehr nach Italien. Ich habe kein Italienerlebnis,nichts dergleichen,ich lebe sehr gerne hier. (..) Das schwer Erklärliche ist aber, dass ich zwar in Rom lebe, aber ein Doppelleben führe, denn in dem Augenblick, in dem ich in mein Arbeitszimmer gehe, bin ich in Wien und nicht mehr in Rom. Das ist natürlich eine etwas angestrengte oder schizophrene Art zu leben. Aber ich bin besser in Wien, weil ich in Rom bin, denn ohne diese Distanz könnte ich es mir nicht für die Arbeit vorstellen (..) Meine römische Freunde machen sich alle lustig über meine Wohnung, weil sie sagen, dass es mir gelungen ist, mitten in Rom eine wienerische Wohnung zu haben und ostinatamente daran festzuhalten.“ Sie hatte einige Lebensfreunde in Rom. Sie liebte das Dolce Vita und das Arbeiten können in Rom, dass ihr in Wien nicht möglich gewesen wäre und Berlin schon gar nicht. Dass meiste, dass nach ihrem Tod über Rom, Saufen und Tabletten gesagt wurde, ist frei erfunden oder von unzuverlässigen Menschen, die ich teilweise kannte und denen ich kein Wort glaube. Was Sie schreiben, steht ja im Buch von Ina Hartwig, die zehn Jahre alt war als Ingeborg Bachmann starb. Alles in diesem Buch ist aus zweiter Hand. Intentional auf ihre These geschrieben. Die „Todesarten“ soll ein Romanzyklus sein. Dieser setzt sich aus disparaten Teilen zusammen. So geht „Die jordanische Zeit“ und „Die ägyptische Finsternis“ aus einer Reise hervor, die die die Bachmann in ihrer Zeit in Berlin mit ihrem Geliebten Adolf Opel 1964 gemacht hat. Über Prag und Athen an den Nil bis nach Theben gemacht hat. Der Nazi-Alptraum mit dem Vater stammt aus Kairo. Bachmann schreibt später „Ich denke wieder viel an die Wüste, an den Moment, wo mir das Lachen zurück gekommen ist!“ Wer die Fotos der Bachmann in Rom betrachtet - lässig in der Küche, in ihrem Wiener Wohnzimmer. oder im kleinen Dachgarten Garten sitzend mit der L‘Unita in der Hand. In Rom hatte sie die treue Freundin Marie-Louise Kaschnitz, die ihr durch alle Krisen beistand. Malina ist schon in Wien geschrieben und Der Fall Franza auch.

Gaga Nielsen
All das ist mir bekannt. Was nicht von der Hand zu weisen ist, ist ihre Tablettenabhängigkeit, die aufgrund der Entzugserscheinungen zu ihrem Tod führte. Das ist vielfach dokumentiert und wird auch im Briefwechsel mit Frisch von beiden selbst erwähnt. Ich besitze die beiden Bücher von Opel und habe sie gelesen. Wie überhaupt alles, was erhältlich sein dürfte. Man muss Bachmann durch eine rosa Brille sehen wollen, um diesen bedauerlichen Abgrund der Abhängigkeit von Psychopharmaka zu ignorieren, die letztlich - aus meiner Sicht - mit ein wesentlicher Grund für die durch Frisch veranlasste Trennung war. Aber das habe ich in meinem oben verlinkten Text ausgeführt. Malina und Franza wurden nicht in Wien geschrieben, sondern haben als Schauplatz Wien. Allerdings hat sie Wien so sehr in den letzten Lebensjahren beschäftigt und angezogen, dass sie darüber nachdachte, zurückzuziehen, sich dort eine Wohnung zu nehmen. Sie ließ ihre Wiener Kontakte bereits nach geeigneten Wohnungen Ausschau halten. Insofern war sie innerlich in Wien, als sie Malina und Franza schrieb. Und Requiem für Fanny Goldmann.

Gaga Nielsen
Der Potsdamer Platz ist eine kulinarische Wüste, daher ist dieses erwähnte Restaurant die reinste Erholung zum Rest dieses schrecklichen Platzes, der nur von uns ob der Nähe zum Ort der Ausstellung frequentiert wurde. Die Mousse war exzellent und ich bin ohnehin keine Freundin der italienischen Küche. Ich erfragte Tartufo, war aber nicht im Angebot, die Mousse war die einzige Dessert-Alternative, die mich ansprach.
Die österreichische Botschaft hält offenbar den Sparstrumpf hoch. Da diese sehr bescheidene Ausstellung aber aus eben diesem Grund auch so gar nicht beworben wird, geht sie ohnehin am geneigten Publikum vorbei, was auch besser so ist.


Eckart Britsch
Gaga Nielsen Ich habe ja nicht gesagt, dass die Mousse schlecht war. sondern das es kein italienischer Nachtisch ist und ich diese Dekoration für überflüssig halte. In klassischen Pariser Bistros gibt es nicht so eine überflüssige Dekoration. Ein Patron macht sowas nicht.
g a g a - Sa, 13. Apr, 09:22

Ina Weisse
Liebe Gaga, deinem Bericht über die Veranstaltung habe ich nur Akzente hinzufügen. Kannte die Kriegstagebücher nicht so gut: „Liebes Tagebuch“, habe also konzentriert zugehört. Die Architektur des „Kulturforums“ in ihrer Nüchternheit, Es war aber schön zu sehen, wie vielen Menschen die Bachmann etwas bedeutet.

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