13. Dezember 2021

"(...) Später als Grosz bereits als der radikalste Karikaturist der deutschen Bourgeoisie und ihrer Militärclique galt, erklärte er, seine Haltung sei marxistisch fundiert. Aber die gesellschaftskritische Schärfe, die aus seinen Werken spricht, dürfte aus seinen Jugendjahren stammen, in denen er die Berliner Hinterhöfe kennenlernte oder mit ansehen mußte, wie arrogante, monokeltragende Offiziere seine Mutter wie eine Dienstmagd herumkommandierten.

Grosz selber hält ein anderes, freundlicheres Kindheitserlebnis für wesentlicher. Eines Nachts sei er auf eine Kiste stiegen und habe heimlich in das Schlafzimmer einer Frau geblickt, die sich entkleidete. Gemächlich schälte sie sich aus Bluse und Rock und Korsett und Unterrock - den Hüllen, die den Körper einer Dame der Jahrhundertwende zu verbergen pflegten. Schließlich stand sie nackt, nur mit Strumpfbändern am Leib, vor dem Spiegel, löste den Dutt, zu dem ihr sehr langes Haar zusammengehalten war, und kämmte es - ohne zu ahnen, daß draußen vor dem Fenster ein Junge stand, der sie fasziniert beobachtete. »Dieser Anblick ging mir durch und durch«, schrieb Grosz später. »Es war ungeheuerlich! Ich habe bis heute diesen ersten Eindruck nicht überwunden. Ich wollte ihn auch gar nicht überwinden.«"



Otto Friedrich, Weltstadt Berlin - Größe und Untergang 1918 - 1933, Verlag Kurt Desch 1973, S. 143
kid37 - Di, 14. Dez, 01:39

Tja. Es gibt starke Bilder, und es gibt starke Bilder. Und ein Alter, in dem man beeindruckbar ist. (David Lynch erzählt immer die unwirkliche Anekdote aus seiner Kindheit, als eine nackte Frau über die Straße lief.)

g a g a - Di, 14. Dez, 11:14

ich finde diese Schilderung so aufregend, dieser Zauber der ersten Entdeckung erotischer Resonanz... ich weiß, dass solche Empfindungen bei mir auch schon recht früh anfingen, einige Jahre vor der Pubertät, wenn auch tatsächliche erotische Interaktionen mit anderen sehr viel später folgten.

g a g a - Di, 14. Dez, 11:14

ANH 14. DEZEMBER 2021 UM 8:14
Tragisch, daß, wer heute dergleichen schriebe (und schreibt), schon nahe daran schrammt, als Mißbraucher zu gelten, wenn auch noch unterm Schutzdach einer kindlichen, sagen wir böse, Strafunfähigkeit. Wobei sie, also diese, in den Aug*innen der Woken*innen durch den letztzitierten Satz durchaus aufgehoben wird — Kunst- wie Göttinseidank.


GAGA NIELSEN 14. DEZEMBER 2021 UM 11:04
Ja und ja. Man kann sich dem Fahrt aufnehmenden woken Mainstream undifferenziert unterwerfen oder differenziert dagegenhalten. So der Plan. Ich habe vor, ungehemmte, sinnenfrohe Lebensäußerungen weiterhin als Ausdruck von lebensbejahender Entfaltung völlig ungehindert zu hofieren.

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