Es war eine Dokumentation über Thomas Mann und seine Kinder, die mir bewusst machte, dass mir seine mittlere Tochter
Monika Mann bislang nicht präsent war. Es gab eine Sequenz, in der sie interviewt wurde und sie war mir eher unangenehm. Befremdet recherchierte ich über sie und zu meiner Irritation gesellte sich, dass sie in ihrer Familie auch Befremden ausgelöst hatte, was mir schon wieder leid tat. Es war die Rede von einem Erinnerungsbuch, das sie Mitte der Fünfziger Jahre verfasst hatte, während sie bereits daran schrieb, starb ihr Vater. Damalige Rezensenten argwöhnten, dass sie ihren Vater in keinem guten Licht dargestellt habe. Ich hatte den Eindruck, es müsste eine kontroverse, ja gewagte Schrift sein. Neugierig suchte ich nach einem Exemplar und fand sogar eine Erstausgabe, die ich bestellte. In Leinen gebunden, erschienen 1956 im Kindler Verlag München. Ein schmaler, kleinformatiger Band. Die Vorbesitzerin - ich bin mir sicher, dass es von einer Frau stammt, hatte mit Bleistift ausgiebig Passagen angestrichen, unterstrichen, einzelne Worte auf Seiten notiert. Wie ein Schüler, der Markierungen für eine Hausarbeit vornimmt. Ich fand es erstaunlich, dass jemand ein Buch aus einem mutmaßlichen Nachlass in einem online Antiquariat zum Kauf anbietet, ohne vor dem Versand leicht wegzuradierende Kritzeleien zu entfernen, die den Wert des Exemplars eher schmälern und auch nicht bei der Zustandsbeschreibung erwähnt wurden. Erst nachdem ich es gestern ausgelesen hatte, radierte ich alles weg. Nun kann es in meinem Regal ruhen, das gute Stück. Es gibt derzeit leider keine weitere Erstausgabe online zu finden, abgesehen vom nicht käuflichen Ausstellungsstück im
Buddenbrookhaus in Lübeck, aber neuere Ausgaben. Sie schreibt gut und lebendig, die ungeliebteste Mann-Tochter der drei. Und sie verliert kein böses Wort über ihren Vater, kein einziges. Es ist ein schönes Erinnerungsbuch aus einer ganz privaten Erlebensperspektive. Faszinierend, wie sie das Schlafzimmer ihrer Mutter beschreibt, all die kleinen Gegenstände. Und wie sie Amerika erlebte, den Geist des Neuen und des Aufbruchs. Auch war sie Musikerin, träumte von einer Laufbahn als Pianistin, immer wieder erwähnt sie Musik und deren Bedeutung für ihren Vater. Sie hat sich nichts zu Schulden kommen lassen. Sie ist mir nah gekommen, mit ihrem kleinen Buch, diese mir bislang so ganz unbekannte Monika Mann.
