14. Dezember 2022



Juli 1974. Achtdreiviertel. Fotos von meinem Bruder. Nein, das ist nicht mein Bruder, das sind Fotos, die er von mir gemacht hat. Das Cordjackett war von ihm, die Krawatte und der Hut waren vom Fasching. Die himbeerrosa Baumwollhose mit Schlag war meine Lieblingshose. Da habe ich mich langsam durchgesetzt und Hosen anziehen dürfen, die viel bequemer waren als die Kleidchen mit kratziger Strumpfhose darunter. Ich wollte kein Junge sein, hatte nur Lust mich zu verkleiden. Wenn mein Bruder, der schon zehn war, Fotos von mir gemacht hat, durfte ich alles machen, wozu ich Lust hatte. Aufs Mäuerchen steigen und eine Schnute ziehen. Böse gucken und andere Mätzchen. Eben einfach alles. Für Juli sieht es ein bißchen unsommerlich aus. Ich vermute, das war ein bedeckter Nachmittag nach der Schule oder am Wochenende, und wir wollten uns die Zeit vertreiben. Verkleiden war immer eine feine Sache. Es gibt eine Internetseite, wo man schauen kann, wie das Wetter früher war. Da heißt es: "Kalt ist der Juli des Jahres 1974. 134 Sonnenstunden sorgen für eine Durchschnittstemperatur von nur 15,8° C." Das erklärt das herbstliche Verkleidungsoutfit. Sommerkleider habe ich nämlich gerne angezogen, wenn es schön warm war, da musste man ja keine Strumpfhose dazu anziehen. Mein Lieblingshit vom Juli 1974 war Rock Your Baby von George McCrae, mehrere Wochen auf Platz Eins in Deutschland, der Schweiz, Österreich, England und Amerika. Ich denke, da hatte ich schon meinen Radiorekorder und habe meine Lieblingslieder auf Kassette aufgenommen. Mein Bruder auch, nämlich von der Sendung "Die Schlager der Woche" vom Rias Berlin. Das war keine Spartensendung für "Deutsche Schlager", sondern für angesagte Hits, quer durch den Gemüsegarten, also auch Disco-, Soul-, Country-, Pop- und Rockmusik. Da war man nicht kleinlich.



14. Dezember 2022



Juli 1973, Siebendreiviertel. Vom Klassenfoto abfotografiert. Die Klassenfotos wurden immer am Ende vom Schuljahr vom Schulfotografen gemacht. Meine ersten beiden sind schwarzweiß, später dann in Farbe. Meine Klassenkameraden wollte ich jetzt nicht herzeigen. Die waren auch nicht alle süß. Ich hatte schon Freundinnen in der Klasse, aber wurde auch von manchen aufgezogen. Wegen meiner Zahnlücke. Ich habe mich deswegen eingeschüchtert, auch oft nicht getraut, bei Fotos richtig zu lachen. Aber lustig war ich schon gerne. Streiche habe ich nicht so mitgemacht, weil ich gewusst habe, wie blöd es sich anfühlt, wenn die anderen über einen lachen. Mir war auch so peinlich, dass ich immer so schnell rot geworden bin, wenn mich einer anspricht. Ehrlich gesagt. sehen meine Mitschüler insgesamt etwas dickfelliger aus als ich. Wir waren am Anfang in der Grundschule immer gemischte Klassen, Mädchen und Jungs zusammen. Am liebsten hab ich aus dem Fenster geguckt und geträumt. Beim Aufsätze schreiben und Malen war ich immer die Klassenbeste, sonst aber gar nicht. Auswendiglernen hat mir überhaupt nicht gefallen und Mathematik (außer Einmaleins und Geometrie) war mir ein Rätsel. In Religion hatte ich auch immer eine Eins. Ich glaube, der Religionslehrer mochte mich auch gerne. Herr Fauser! Der war schon mal in Papua Neuguinea und war immer sehr angetan von meinen phantasievollen Jesus-Bildern. Er hat uns zum Beispiel als Hausaufgabe gegeben, wie Jesus über das Wasser geht zu malen. Dann wurde in der Klasse mit Hand hoch abgestimmt, wer das schönste Jesusbild gemalt hat und ich habe gewonnen und eine Kaurischnecken-Muschel aus Papua Neuguinea von Herrn Fauser geschenkt bekommen. Die habe ich heute noch.

14. Dezember 2022



Vorhin, 15:24 Uhr. Aus dem Fenster, nach Westen. Gleich dunkel.

13. Dezember 2022

Noch ein Foto, vom September 1972. Vielleicht an meinem siebten Geburtstag gemacht. Früher hat man ja nur an besonderen Tagen fotografiert. Ich stehe auf einem kleinen Mäuerchen, das den Vorgarten von der Auffahrt trennt. Ich kann mich noch an das Kleid erinnern, es war ein Lieblingskleid von mir. Die Ärmel waren mit buntem Zickzackmuster, wie Missoni. Mode 1972! Der einfache Schnitt ohne blöde Knöpfe und Borten und Rüschen hat mir gefallen. Ein bißchen wie die coolen Enterprise-Anziehsachen, obwohl die ja aus den Sixties waren, aber eben der Zeit voraus. Ich habe mich nicht gerne fotografieren lassen, weil ich mich immer brav hinstellen sollte. Schüchtern war ich auch, aber das war nicht der Hauptgrund. Es ist mir unnatürlich vorgekommen. Was es ja auch war. Aber trotzdem sieht man Jahrzehnte später, dass doch etwas Wesentliches der Persönlichkeit eingefangen wurde. Es dringt einfach durch, wenn man innerlich widerspenstig artig spielt.



In jenen Tagen, im September 1972, wurde "CHILDREN OF THE REVOLUTION" von T. Rex veröffentlicht. Ich fand Marc Bolan und das Lied super. "Well, you can bump and grind, it is good for your mind. Well, you can twist and shout, let it all hang out. But you won't fool the children of the revolution. No, you won't fool the children of the revolution, no no no. Well, you can tear a plane in the falling rain. I drive a Rolls Royce 'cause it's good for my voice. But you won't fool the children of the revolution. No, you won't fool the children of the revolution, no no no, yeah.no way, yeah, wow."

12. Dezember 2022



Dezember 1972. Ein halbes Jahrhundert ist das her. Nachdem ich meine Currywurst-Geschichte erzählt hatte, war ich neugierig, ob ich Fotos aus den Jahren finde, vom Anfang der Siebziger Jahre. Das sind drei Fotos, auf die meine Mama hinten drauf geschrieben hat "Weihnachten 1972". Ich denke, während der Feiertage entstanden, von meinem Vater fotografiert. Am Küchentisch bei einem kleinen Imbiss und im Wohnzimmer. Mein größtes Hobby war Lesen. Im Dezember 1972 war ich Sieben und konnte schon sehr gut lesen. Ich sammelte Schneider-Bücher. Dazu gehörte auch "Hanni und Nanni", weswegen ich unermüdlich von einem Leben im Internat träumte. Aber ich las auch alle möglichen Erwachsenen-Schmöker aus dem Eltern-Regal. Nicht nur die zwanzig dicken grünen Bände Brockhaus, aber auch! Darin gab es nämlich Faksimiles der Unterschriften berühmter Persönlichkeiten, wie zum Beispiel Napoleon Bonaparte, welche ich bis zur Perfektion imitieren konnte. Unterschriften nachmachen war eines meiner Hobbies. Die von meiner Mutter konnte ich auch sehr gut, die war recht einfach, speziell im Vergleich zu der von Napoleon, was mir später in schulischer Hinsicht sehr gute Dienste leistete.



Vorhin habe ich nachgeschaut, welche Lieder 1972 im Radio gelaufen sind. Die deutschen, britischen und amerikanischen Charts waren sehr unterschiedlich, aber es gab so eine Handvoll Lieder, die überall gerne gespielt wurden und es in die Top Ten oder Top Twenty schafften. Die furchtbaren Jammer-Tiraden "Es fährt ein Zug nach Nirgendwo" von Christian Anders und "Am Tag, als Conny Kramer starb" von Juliane Werding haben es nur in den deutschen Charts weit gebracht. Aber überall, also international waren 1972 die Knaller-Hits "A Whiter Shade of Pale" von Procol Harum, "Clair" von Gilbert O'Sullivan, "Let's Stay Together" von Al Green, "Heart of Gold" von Neil Young, "American Pie" von Don McLean, "A Horse With No Name" von America (von dem heute noch einige denken, es wäre ein Lied von Neil Young). "Song sung blue" von Neil Diamond dudelte rauf und runter, "Is this the way to Amarillo?" wurde Toni Christie nicht müde zu fragen, usw. usf. Und die Stones veröffentlichten "Exile on Main Street"! Hildegard Knef sang "Schmelzen Butterblumen?" und Barbra Streisand schäkerte im Kinofilm "Is was, Doc?" mit ihrem tatsächlichen Lover Ryan O'Neal herum. Und ich war gerade mal Sieben, aber dafür ziemlich groß und las tapfer meine Schneiderbücher und guckte Partridge Family und schwärmte für Captain Kirk und David Cassidy.

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