04. Juli 2010

Als ich das Bild bekam und zwei Freundinnen zeigte, meinten beide, es müsste unbedingt auf genau diese Ecke auf dem Sofa gestellt werden. Und das Kissen, das Gestreifte sollte ich ein wenig davor drapieren. Ich fand die Idee auch lustig und probierte es gleich aus. Aber aus irgendeinem Grund wollte Cosmic lieber in der Badewanne schlafen, als auf dem Sofa. Na ja. Jedem das Seine. Am Anfang bin ich immer ein bißchen erschrocken, wenn ich ins Bad gekommen bin, aber mittlerweile hab ich mich an ihn gewöhnt und zucke nicht mehr zusammen, wenn ich ihn da liegen sehe. Er ist ja auch ganz friedlich. Wer schläft, sündigt nicht! Im Übrigen Cosmics wichtigstes Steckenpferd, noch vor Schokolade, Pudding und Kuchen essen. Er betreibt sein Hobby sehr gewissenhaft und lässt es nie an Disziplin fehlen, wenn es darum geht, die Ruhephasen einzuhalten. Darin ist er mir ein großes Vorbild, an dem ich mich und auch jeder andere sich stets orientieren kann.



Nun der Tag mich müd gemacht, soll mein sehnliches Verlangen
Freundlich die gestirnte Nacht wie ein müdes Kind empfangen
Hände lass von allem Tun, Stirn vergiss du alles Denken
Alle meine Sinne nun wollen sich in Schlummer senken
Und die Seele unbewacht will in freien Flügen schweben
Um im Zauberkreis der Nacht tief und tausendfach zu leben


(H. Hesse)

04. Juli 2010

Dienstag, 18. Mai 2010. Der Tag der Abreise, unsere Rückkehr nach Berlin. Ebracher Hof. Mein Blick fällt auf den großen Karton in der Ecke des Zimmers. Der große Karton, den ich vor Beginn der Reise als Eilsendung vorweg geschickt hatte, damit mein Fluggepäck nicht so schwer würde.

Unten im Karton Plakate, die den Abend ankündigten. Romantik Liebe Rebellion. Darauf ein großes Tuch aus Leinen, das ich manchmal als Hintergrund für die Projektionen benutze, wenn es im Raum keine geeignete Projektionswand gibt. Weißes Leinen. Cirka zwei Meter zwanzig mal zwei Meter achtzig. Zusammengelegt. Karrabinerhaken an den Ecken. Darauf, geschützt in luftgepolsterter Folie, der Beamer. Noch ein Tuch, schwarz. Manchmal muss man abdunkeln. Oder muss die Projektionsfläche vor einem Fenster spannen, das nicht ausreichend abzudunkeln ist. Dann lege ich zwei oder drei dieser großen Tücher übereinander. Ganz hinten das schwarze Tuch. Im Karvana war es so. Unser Konzert, im Sommer vor einem Jahr, begann als es draußen noch hell war. Ich spannte Tücher auf fast drei Metern Höhe, auf einer wackeligen Leiter balancierend. Klopfte mit einem Stein Nägel in die Wand. Stefan, groß wie ein Wikinger, stand interessiert daneben, grinste entspannt: "Ich finde, du machst das sehr gut!" Ich fiel nicht von der Leiter. Cosmic wurstelte unten mit Verstärker-Kabeln. Wir bauten eine improvisierte Bühne in einer Ecke des Karvana, einem Café in Friedrichshain auf. Erinnerungen.

Ich trug an jenem Abend ein rotes Barett und ein Rüschenhemd, auch rot, das dem sehr späten Elvis zur Ehre gereicht hätte. Aus irgendeinem Berliner Second Hand-Laden, in den Neunzigern gekauft. Als es noch Retro nach Gewicht gab. Wildleder-Shorts. Eine zerschnittene schwarze Veloursleder-Jeans. Schwarze Stiefel. Eine Nadelsteifen-Anzug-Weste über dem Las Vegas-Hemd. Ich erinnere mich oft, was ich anhatte.

Auf dem schwarzen Tuch im Karton lagen kleinere Plakate. Und zuletzt, ganz oben, die drei einzeln verpackten Sätze der Cosmic-Gaga Collection. Die A-Serie, die B-Serie, die C-Serie. Auf einer Seite des Kartons die Schachtel mit allen Kabeln, die ich brauche. Das Strom-Kabel für den Beamer. Ein Hub für die USB-Anschlüsse. Das Kabel für den Hub. Zwei USB-Kabel, um den Beamer mit meinem Rechner zu verbinden. Ein fünf Meter langes und ein extra kurzes. Das Kabel für den Ton kriege ich von Cosmic oder dem Veranstalter. Eine scheinbar langweilige Aufzählung von Kabeln. Kleiner Detailfetisch für mein eigenes Erinnern. Man schreibt ja auch für sich... Manchmal ist es durch die Raumsituation bedingt ungünstig, den Beamer auf dem Tisch neben dem Rechner zu haben, dann brauche ich eine lange Leitung zu meinem Notebook. Im Karvana war es so. Und immer Gaffa-Tape, um die Kabelstränge am Boden zu schützen, und damit es keine Stolperfallen gibt.

In der Schachtel mit den Kabeln liegt auch ein Feuerstein. Gefunden an einem Strand im Baltikum. Ersatz für einen Hammer, wenn man einen Nagel in die Wand schlagen muss. Das muss man eigentlich immer. Nägel sind immer dabei. Aufbewahrt in einer Streichholzschachtel vom Hotel Nizza in Frankfurt. Wenn ich einen Nagel mit dem Stein einschlage, blitzen die Funken. Insofern schön, weil ich mir seit langem einen Feuerstein gewünscht hatte und als ich diesen Stein fand, einfach nur weil er mir gut gefiel, wusste ich gar nicht, dass es ein Feuerstein ist. Bis ich den ersten Nagel damit in die Wand schlug. Feuerherz. Und Klammern in der Form von Spiralen, um die Bilder aufzuhängen. Hundertfünfzig Meter weiß-violette, gedrehte Kordel. Alles sollte schön aussehen. Besonders schön. Es gab auch noch ein dickes Päckchen mit den vier Plakatmotiven in der Größe von Handzetteln. Wir verteilten fast alle in der Stadt, an den Tagen vor unserem Konzert. Nur noch wenige waren übrig.

Jetzt, früh am Morgen am Tag der Abreise, fiel mein Blick also auf den Karton, in dem immer noch dieselben Sachen lagen, aber wüst durcheinander. Beim Abbau in der Nacht nach dem Konzert gepackt. Hastig. Ganz anders als beim Aufbau. Der ist zwar eilig, aber nicht hastig. Das ist ein Unterschied. In hingebungsvoller Eile baut man auf, in eiliger Hast baut man ab. Aber so durcheinander wie er jetzt war, wollte ich den Karton nicht mit nach Hause nehmen. Ich breitete den Inhalt auf dem Bett aus. Fand die Setlist. Ein ausgedruckter Screenshot der Dateien meiner Filme. Mit Änderungen, Durchstreichungen, Pfeilen, Anmerkungen. Noch war die Erinnerung frisch. Ich wusste, was die gekritzelten Anmerkungen zu bedeuten hatten. Ich nahm eines der kleinen Plakate und setzte mich mit verschränkten Beinen auf das breite Bett, wie ich es immer tue (ich bewohne in Hotels eigentlich nur die Betten) und schrieb die Set-List auf der Rückseite eines der kleinen Plakate noch einmal ab. So, wie der Ablauf wirklich war. Welchen Film ich bei welchem Song zeigte.

Mein Blick wanderte weiter zu den Fotografien. In beiden Serien fehlten Bilder. Einige hatte ich verschenkt. Ich vervollständigte die A-Serie mit Bildern aus der B-Serie. Ich nahm ein Lieblingsbild aus dem Stapel und schrieb etwas auf die Rückseite. Dann verpackte ich beide Stapel neu. Die A-Serie mit besonderer Sorgfalt. Und dann war da noch dieses Blatt, jener ausgedruckte Text Du bist mein Mond... Wir hatten beide unabhängig voneinander einen Ausdruck von diesem Text dabei, der sich nicht in dem Reclam-Buch findet. Meiner lag gefaltet in dem kleinen gelben Buch. Ich las diesen Text, um mich zu beruhigen, im Zug auf dem Weg nach Coburg. Jetzt nahm ich das Blatt aus dem Rückertbuch und schlug die Fotografie darin ein.

Es ist ein Bild von uns beiden. Am vierten Juli 2008 entstanden, in einer Galerie in Berlin Mitte. Projektgalerie Hofmann von Sell. In der Galerie stand ein Klavier und du spieltest zum ersten mal, zaghaft noch, "Ich weiß, diese Welt wird untergehen, doch mit dir ist selbst das wunderschön...“ Kaum einer der Vernissagenbesucher interessierte sich für die Bilder, als du das spieltest. Später irgendwann standen wir draußen, in der Nacht, Jan war auch dabei. Ich fotografierte erst euch beide und dann uns. Nur ein einziges Bild. Wie wir die Köpfe zusammensteckten und unverabredet gleichsam vertrauensvoll in die Kamera schauen. Das Bild hat mich immer sehr berührt. Wir kannten uns kaum, aber man erahnte bereits die mögliche Nähe. Wenn ich dieses Bild von uns sehe, verstehe ich die kleine Anna, die vor zwei Wochen bei einem Gartenfest deines Freundes Christian mit uns am Feuer saß, seine Tochter, da waren viele Gedanken in ihrem empfindsamen Kopf. Sie zögerte erst ein wenig und fragte dann in ihrer etwas schüchternen und doch mutigen Art, ob wir Geschwister seien oder irgendwie verwandt, weil wir uns ähnlich sehen würden. Ihr seht irgendwie gleich aus. Da ist so eine Ähnlichkeit...". Das sagte sie, die kleine Anna. Zehn Jahre alt vielleicht. Du sagtest, dass wir nicht richtig blutsverwandt seien aber... eben anders verwandt. Das fällt mir zu dieser Fotografie von uns ein. Ich schrieb noch deinen Namen auf den improvisierten Umschlag Hab ja alles fotografiert.

Ich legte meine anderen Sachen auf das Bett, alle T-Shirts, die ich dabei hatte, drei Kleider. Einiges darunter, das ich gar nicht getragen hatte. Ein ziemlich schräges Kleid mit einem Op Art Muster, irrwitzige Applikationen von Hunderten von kleinen Kreisen in schwarz und Weiß. Kann man gar nicht beschreiben. Bis heute noch ungetragen. Und da war die Papiertüte aus dem Weinladen, wo ich den schlimmen Wein gekauft hatte. Die DIN A 3 Plakate lagen auf dem Bett und mir fiel auf, dass es dieselbe Größe wie die Tüte ist. In dem Karton waren auch noch meine dicken Klebestifte und ich bastelte kurzerhand eine poetrYclub-Einkaufstüte. Die sah richtig echt aus. Total schön.



Von jedem Plakatmotiv und jeder Größe nahm ich eines und rollte sie ein, gebunden mit einem Stück der weiß-violetten Kordel. Dann packte ich das A-Päckchen in die Tüte und klammerte die Set-List und die Postkarte mit ein paar der Spiralklammern an die Tüte. Ich stellte die Tüte mal hierhin und mal dahin und machte Fotos und träumte vor mich hin und vergaß darüber fast die Zeit. Ich musste ja auch noch die anderen Sachen packen. Aber eines musste ich noch machen. Ich steckte die Romantik Liebe Rebellion-Tüte in eine große braune Tüte ohne Aufschrift und klebte sie oben ein bißchen zu, damit man nicht gleich sehen konnte, was darin ist. Das würde nur unnötige Fragen aufwerfen. So, fertig. Und jetzt die Klamotten. Geschafft. Ich bin bereit.

Das Zimmer mit der Nummer Fünf sieht wieder aus wie vorher. Ich hänge das wüste Acrylbild über dem Bett wieder von Hochkant auf quer, wie es vorher war. Mir gefiel es zwar nicht ausnehmend gut, aber Hochkant noch am ehesten. Ich nehme das flammende Tuch von der Lampe am rechten Nachttisch, das das Licht so warm machte. Es ist jenes rot und orange in der Sonne wehende Tuch aus meinem Hippolyta-Opus. Ich hatte die Vorhänge des Hotelzimmers halb zugezogen und nur ein wenig zur Seite gerafft. Jetzt hingen sie wieder ordentlich der Schwerkraft folgend. Obwohl dieses einzige Einzelzimmer mit breitem Bett sonst detailweise ein ungewöhnliches Interieur hatte. Es gab keinerlei Schränke, sondern nur gemauerte, weiß gekalkte Nischen mit eingelassenen Ablagebrettern und einer zwischen zwei Nischen eingelassenen Kleiderstange. Ich erkannte, dass alle meine Sachen, die hingen, schwarz waren. Das Bad hatte einen superschicken Eingang, eine riesige Schiebetür aus einem einzigen Spiegel, von der Decke bis zum Boden. Dunkler Holzfußboden. Der Blick aus dem Zimmer auf die Rittergasse. Nicht spektakulär, aber die Lage an sich schon, an einem zentralen Nerv in der Altstadt, in einem Renaissance-Gebäude, neben dem supermodernen Georg-Schäfer-Museum.

Ich deponierte mein Gepäck mit der geheimen Tüte in der Nische unter der Treppe am Empfang. Cosmic war in seinem Elternhaus, wo er zum Abschied mit seiner Familie noch einmal zu Mittag essen wollte. Danach würden wir gemeinsam zurück nach Berlin fahren. Ich überbrückte die Zeit, bis er kam, im Restaurant des Hotels und surfte ein bißchen durch's Netz. Unser Freund Yvelle hatte ein neues Video hochgeladen, in dem er sang, das schaute ich mir an und ließ die Bilder auf mich wirken, die ich in den letzten Tagen gemacht hatte. Die wenigen Filmsequenzen. Der Blick in den Himmel von Gerbrunn, deinen Himmel, dein Tanzen. this used to be my playground...

Die Hausdame (aka Zimmermädchen) winkt mir zu als sie mich da sitzen sieht und die beiden Mitarbeiterinnen vom Service signalisieren mir unablässig ihre Bereitschaft zu Diensten zu sein. Haben Sie noch einen Wunsch? Nein? Wirklich nicht? Ich vermute, dass die beinah ein bißchen zu begeisterte Bedienung irgendetwas mit dem Trinkgeld zu tun hat, das ich eine krumme Summe zu einer sehr geraden machend, aufrundenderweise gerade gab, als ich nach dem Frühstück die gesamte Hotelrechnung beglich. Beim Surfen finde ich doch tatsächlich eine Konzertkritik, in der ich erwähnt werde, in der Online-Ausgabe der Mainpost. Vielleicht hatten die Hotel-Mitarbeiter ja auch die Zeitung gelesen und nun war ich womöglich berühmt! Als ich gerade diesem Gedanken nachhänge, betritt Cosmic das Restaurant. Er kümmert sich um das Gepäck, verstaut es im Heck, während ich meinen Rechner herunterfahre und mit überschwänglichem Händeschütteln verabschiedet werde. Cosmic muss später darüber lachen. Er weiß inzwischen, dass das Trinkgeld nicht fürstlich, sondern königlich war. Während er auf das Mittagessen wartete, mailten wir blödsinnig hin und her

„(...) die Schulden beim Ebracher Hof habe ich unter Hinzufügung eines fürstlichen Trinkgeldes bereits beglichen, bitte fragen Sie nicht nach dem Gesamtbetrag. Ich vermute die aufgerundete Summe führte dazu, dass die freundliche Service-Mitarbeiterin noch freundlicher wurde und mir sogleich eine ganze Flasche des Getränkes meiner Wahl spendierte, da ich ja nun noch ein wenig länger verweilen werde, bis ich von Ihnen abgeholt werde!“

„(...) Sehr geehrte Madame Nielsen, ein königliches Trinkgeld ist die richtige Methode, um das Volk in Schweinfurt zu begeistern, ihre Herzen zu erschließen. Diese Gesten sind in unserer Gegend sehr selten, ist doch der Geiz das Vorherrschende, in aller Regel. Diese großzügige Geste wird also sicherlich dazu führen, daß Ihre Zeit in Schweinfurt nicht in Vergessenheit geraten wird. Solche Dinge sprechen sich unter dem Volk wie ein Lauffeuer herum. Selten wurde ein königlicher Besuch so positiv aufgenommen. Zuletzt war der Besuch des Königs Ludwigs des II mit ähnlicher Zustimmung ausgegangen, nun haben Sie diese schöne Tradition wieder aufgegriffen. Ich werde nun noch zum Müller gehen, um das frisch gemahlene Mehl zu bezahlen und dem Bäcker zukommen zu lassen. Morgen werden auf dem Marktplatz dann die Brotlaibe unter den Hungernden verteilt. Wir können also später getrost den Rückweg nach Berlin antreten, nicht ohne vorher noch eine Flasche von dem köstlichen Brand des Herrn Gößwein mit zu nehmen. Mit königlichem Gruße King George der Kosmische“

„(...) Wie recht Sie doch haben! Sagte ich ein fürstliches Trinkgeld? Ich muss mich revidieren - es war selbstverfreilich einer Königin würdig. Die Königskrone zu tragen fordert von uns solches! Das Volk dankt es einem auch umgehend und die Herzen fliegen der Königin zu! Gerade eben winkte mir eine Untertanin, die als Kammerzofe am Ebracher Hof ihr Tagwerk verrichtet zum Abschiedsgruße zu und wünschte beglückt und nochmals ihren Dank entrichtend eine gute Weiterreise. So ist's recht! Mit dem Segen des Volkes reist es sich wohlgemut! [ > Morgen werden auf dem Marktplatz dann die Brotlaibe unter den Hungernden verteilt.] Wie froh ich bin, dass Sie das richten! Ich käme ja doch nicht mehr dazu - die Staatsgeschäfte halten mich in diesen letzten Stunden in der königlichen Reichsstadt Schweinfurt derart auf Trab, dass ich froh bin, wenn ich zeitig fertig bin, wenn der Kutscher vorfährt! So ein köstlicher Brand wird meine Lebensgeister wecken, Sie werden es sehen! Entrichten Sie auch bitte Ihren königlichen Schwestern und den königlichen Hunden sowie dem Großkönig Siegfried meinen Abschiedsgruß! Gott zum Gruße wohlan! Gaga Königin von und zu Gaganien, Fürstin zu Berlin und Brandenburg"

Bevor wir die Stadt endgültig verlassen, wollten wir also noch einmal kurz in die Traumfüllung, ein kleiner Laden mit feinen Obstbränden, Essigen, Ölen und sonstigen Essenzen, von Hand abgefüllt. Cosmic hatte den Laden vor vielen Jahren mit seinem Feund Micha in die Welt gesetzt. Ich war schon gespannt. In großen Glasballons gab es hochprozentige Flüssigkeiten, Brände und jede Menge Geister. Ich wollte selbstverständlich jede Menge gute Geister von dieser Reise mitnehmen und entschied mich auf Cosmics Empfehlung für einen Trester, einen Wildpflaumenbrand und einen Geist aus gebrannten Haselnüssen, über dessen Aroma ich völlig aus dem Häuschen war und bin. Wie allerfeinstes Nougat. Micha war leider nicht da, aber Cosmic kannte auch die anderen Mitarbeiter und spielte kurzerhand Verkäufer und füllte das Gewünschte ab. Souverän schritt er hinter die Ladentheke und beschriftete alle Flaschen mit einem OH-Stift. Ich war gerührt, was er da gekritzelt hatte. Abschied. Die wirklich letzte Etappe in SWC. Auf die Autobahn nach Berlin.

Die ähnliche Strecke fuhr ich zuletzt irgendwann in den Achtzigern, noch vor Mauerfall. Seither nie mehr auf dieser Autobahn gewesen. Autobahnen kriegen auch nie so richtig Patina, da stellt sich nicht so richtig viel Sentimentalität ein. Das Wetter ist eher so gemischt, Wolken, mal Sonne, Wolken, mal Sonne. Kein Regen. Autobahnraststätte. Ein Kaffee. Weiter. Ich wühle in der kleinen CD-Sammlung im Handschuhfach. Handschuhfach? Heisst das wirklich so? Handschuhfach? Hat man da früher Handschuhe und weiter nichts drin abgelegt? So ein Wort, so geläufig, noch nie über den Sinn nachgedacht. Wenige CDs darin. Die poetrYclub-Platte liegt natürlich auch da. Und irgendwas von einer Singer Songwriterin, die ich überhaupt nicht kenne. Sting, John Lee Hooker, Klaus Schulze, Stadium Arcadium von den Chilies, die ich ja sehr mag. Im Radio ist kein erträglicher Sender zu finden.

Es gab sogar eine Musik-Cassette glaub ich oder verwechsle ich da was? Irgendwie Eric Clapton unplugged oder war es doch eine CD? Ich hätte gerne mit dir Layla beim Autofahren gehört, das andere Zeug von ihm ist mir zu - mir fehlt das richtige Wort... (unspezifisch... undifferenziert...) Aber bei Layla unplugged denke ich an eine Reise durch Arizona in einem Jeep Cherokee. Mit drei wilden Weibern. Layla, you've got me on my knees. Layla, I'm begging, darling please. Layla, darling won't you ease my worried mind... Und wir hörten diesen Song immer wieder. Irgendwo on the road zwischen dem South Rim des Grand Canyon und Marlboro Country, Monument Valley. Gut, Tears in Heaven ist auch schön. Ist das nicht auch auf der Scheibe? Aber irgendwie wollte man sich nicht durch das restliche weiße Blues-Gedudel von Herrn Clapton durcharbeiten. Vielleicht war die CD auch gebrannt und nicht beschriftet. Hab’s vergessen.

Ein bißchen John Lee Hooker, ein bißchen Sting, ach nö, lieber doch nicht, o.k. die Chilies, da weiß man was man hat. Als die Platte läuft, merke ich, wie differenziert meine Anlage zuhause dann doch offenbar ist und auch mein kleiner Player. Mir ist gerade beim Hören von Stadium Arcadium im Auto, als fehlten ganze Sphären, die ich sonst wahrnehme und mir einen heftigen Kick geben. Eine meiner Lieblingsplatten dudelt irgendwie unspektakulär durch. Ich zappe trotzdem hoffnungsvoll zu Hey, meinen Lieblingssong und er ist großartig wie immer. Schöne Autobahnkilometer. Und komm, ach, mach doch einfach die poetrYclub-Platte, mach Blüh wie die Blum... das ist so schön... Immer wieder. Ich hab eine der beiden tiefschwarzen Sonnenbrillen auf, die ich in Kauflaune bei meinem einzigen Alleingang durch die Schweinfurter Innenstadt erstand. Die andere werde ich auf der Ablage von Cosmics Chrysler vergessen. Später Klaus Schulze, überraschend sinfonisch. Irgendetwas daran erinert mich an Also sprach Zarathustra von Richard Strauss, hatte ich auf Vinyl...

Brandenburg. Jetzt kann man wieder mal Radiosender probieren, meint Cosmic. Was für ein Glückstreffer! Die beste Band der Welt, die auch wir ohne Vorbehalt abgöttisch lieben und verehren, singt „Junge“. Wir flippen ein bißchen aus, manche Textstellen kann ich auswendig. „Elektrische Gitarren und immer diese Texte Das will doch keiner hörn! Wie kommst du nach Hause, soviel schlechter Umgang! Wir werden dich enterben! Und immer deine Freunde, ihr nehmt doch alle Drogen! Und ständig dieser Lärm! (Achtung!!! Der absolute, ultimative Höhepunkt!!!) „Denk an deine Zukunft, denk an deine Eltern Willst du dass wir sterb'n?!?!?“ Wir lachen uns kaputt in unserem lustigen Auto und zünden in Gedanken eine Kerze für Farin, Bela und Rodrigo an. Leider kam danach nur noch der übliche Schrott und wir waren uns einig, dass es völlig ausreichend wäre, wenn es nur noch einen einzigen Radiosender geben würde, der nur Ärzte spielt.

Berlin. Messe-Zentrum. West-City. Cosmic verfährt sich ein bißchen, er ist so selten im Westen der Stadt. Aber Schilder nach Mitte gibt ja immer. Er ist eigentlich ganz schön müde, aber ich würde unheimlich gerne noch etwas Schönes essen gehen, ein bißchen das Ende unserer Reise zelebrieren. Und dann ist da ja noch die Tüte. Die möchte ich ihm eigentlich nicht einfach nur so im Kofferraum hinterlassen. Das wäre ja blöd. Richtig doof wäre das. Nein, das geht gar nicht. Ich hoffe, dass er doch schwach wird und erzähle ihm von einem vietnamesischen Teehaus, ganz neu, in der Rosenthaler Straße, gleich bei mir um die Ecke, das er noch nicht kennt. Ich war auch nur mal ganz kurz drin und hab gesehen, dass es sehr schön da ist. Und das Auto? Wo parke ich das Auto? Meine Ecke ist in der Hinsicht wirklich ein kleiner Problemfall, aber Cosmic wird bereits schwach und peilt „seinen“ persönlichen Parkplatz an. Die Ecke vorm Eingang vom Hackbarths. Eigentlich nicht wirklich zum Parken vorgesehen, aber nun ja!

Das Chén chè ist wunderbar. Das Essen, die in chinesische Seide gebundenen Karten, die Möbel, die ganze Atmosphäre. Ich kann mich kaum erinnern, bei asiatischem Essen je derart virtuos gezauberte Aromen serviert bekommen zu haben. Es gibt auch Wein. Einen guten Syrah aus Frankreich. Cosmic bestellt eine Schale mit Tee mit frischem Ingwer. Er schnieft ein bißchen. Da bahnt sich vielleicht was an. Ingwer ist da sehr gut. Dann der Nachtisch. Der Nachtisch. Mir fehlen die Worte. Ihm auch. Was ist das? Unglaublich, unfassbar delikat. Wir essen sprachlos seufzend, wie so oft über Kreuz. Da waren geröstete Sesamsamen und dieses warme weiche, weiße, nach Vanille und - -- ah.- was war das...? Noch ein Syrah für mich bitte... - - - ich besuche die Waschräume und finde mich in einem an stylishe Bilder in der Vogue von thailändischen Ayurveda-Spas erinnerndem Ambiente. Das Waschbecken ist offenbar aus der Schale einer riesigen Nuss gemacht, oder was ist das – ein Gehölz, wie eine etwas unförmige riesenhafte halbe Kokosnuss... Und wieder eine schwimmende Lotusblüte... So viel Liebe zum Detail. Wie schön. Und so nah. Ach Berlin...

Eine Zigarette im Garten. Es gibt einen Gong. Und ein Buddha steht da auch, glaub ich. Und noch mehr schwimmende Blüten in kleinen Schalen auf kleinen Tischen. Ein kleiner Brunnen. Schön da draußen. Es ist noch kein warmer Frühlingsabend, aber man kann es sich vorstellen, wie es erst sein wird, in einer lauen Nacht. Wir gehen wieder rein, zu unserem Platz an der Tür zum Garten. Da war ja noch was. „Ach ja... da fällt mir ein... ich wollte dir noch etwas zeigen“ sag ich. Und greife nach der braunen Tüte, die neben meinem Stuhl wartet. Und mache sie langsam auf. Dramaturgie ist wichtig! Ich ziehe die Romantik Liebe Rebellion-Tüte langsam aus der braunen Tüte heraus und stelle sie auf den Tisch. Cosmic guckt, wie man gucken muss, wenn man so etwas macht. Er darf selber schauen, was drin ist. Ganz unten liegt das Päckchen. Die A-Serie. Er schaut mich an. Ich hab ihn nur einmal wirklich weinen sehen, wegen seiner Mama. Und noch ein anderes mal ein bißchen. Und einmal hast du es mir geschrieben. Es ist ein schöner Augenblick, wie du da so vor mir sitzt und wegen einer Tüte weinst. Ich sage „Aber das ist doch eigentlich mein Part, ich bin doch sonst immer die Heulsuse“. Du lachst ein bißchen. Das wollte ich. "Hier, die A-Serie, die ist für dich. Du musst eine haben, es geht gar nicht anders. Auch wenn ich es erst nicht wollte, aber heute morgen dachte ich, als ich die Bilder auf der Bettdecke sah, sie gehören auch dir. Du bist auf fast jedem Bild zu sehen. Wer, wenn nicht du sollte sie haben." Ich glaube - nein, das ist kokett - ich weiß, du hast dich gefreut. Am Ende dieser Reise.


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