10. Januar 2010

Lange her, sehr. 22. Mai 2008. Frühlingsfest des Vereins Berliner Künstler. Sechzig Bilder.
Bei einigen Bildern denke ich, wie Bilder aus einer anderen Zeit. Einem anderen Jahrzehnt. Besonders diese Reihe hier. Die Frauen mit ihren Seventies-Ponyfrisuren. Jetzt sieht man das wieder oft. Später wäre ich fast krepiert an einem Stück Essen in der Luftröhre. Ich war unter Schock. Die Bilder entstanden vorher. Ich fühlte mich furchtbar verlassen, als ich umringt von Kellnern und fremden Gästen vor mich hinwürgte und sehr unsicher war, ob es gut ausgeht oder ob ich gleich ersticke und das mein letzter Tag wäre. Nachdem es mir unter größter Anstrengung gelungen war, den Brocken herauszuwürgen und mich irgendwo hinsetzte und vor mich hinstarrte und keineswegs nur glücklich und dankbar war, dass es so ausging, wie man eigentlich annehmen könnte, kam Jan aus irgendeiner Ecke, bestens gelaunt, lächelnd und meinte "Na und du so?" oder so ähnlich. Er hatte überhaupt nichts davon mitbekommen. Lange her. Aber wir machten vorher ein paar schöne Fotos... oder war es doch danach, ich weiß es nicht mehr.


Wir hatten Spaß daran, uns zusammen auf ein Foto zu bringen und waren sehr präsent. Weil wir uns gut kannten, wirkten die Bilder immer sehr intim. Weil man mit sichtbarer Nähe auf Bildern mit einem Mann und einer Frau sehr schnell weitergehende Nähe assoziieren will. Man mag dieses Assoziation ja auch. Das war unser kleines Spiel. Die Musik, die beiden jungen Männer, der eine in seinem furchtbar verknitterten Hemd, ein Franzose. Sie spielten irgendwelche Singer/Songwritersachen auf Französisch. Ganz nett.

Wenn ich ehrlich bin, fand ich es recht langweilig dort. Interessant zwar, die schöne Villa zu sehen, so ein kleines Rapunzelschloss mitten in der Stadt, den verwunschenen Hofgarten. Aber sonst fühlte ich mich leicht eingezwängt. Ein Gefühl wie in urbaner Provinz, wo alles sehr ordentlich gekehrt und adrett daherkommt, keiner in greller oder verschlissener Kleidung herumläuft und man sein Benehmen entsprechend skaliert, die ureigene Verrücktheit zurücknimmt, vertuscht, moderat tut, weil man spürt, dass man ohnehin niemals verstanden wird. Es gab eine langatmig vorgetragene Rede am Anfang, bei der ich mich so sehr langweilte, eingekeilt zwischen Freunden des Vereins, dass ich die Mücke an der Wand fotografierte, weil sie mir unterhaltsamer erschien, als das Publikum. Die meisten Vereinsmitglieder wirkten etwas eingestaubt und freudlos, als lägen sie das ganze Jahr über ohne Regung in einer Schublade. Am lebensfrohsten wirkten die Kellner. Die waren ganz entzückend. An euch denke ich sehr gerne zurück.

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g a g a - 10. Januar 2010, 14:37