10. Januar 2024

Nachwort von Hans Höller und Arturo Larcati zu "Ingeborg Bachmanns Winterreise nach Prag", Piper Verlag 2016, S. 155
"Jeder Versuch, dem Biografischen in Kunstfragen einen größeren Stellenwert einzuräumen, verstößt gegen die Übereinkünfte der Literaturwissenschaft. Es gilt als theorielos und kunstfremd und stellt für das ästhetische Denken ein Sakrileg dar. Unser Buch über Ingeborg Bachmanns Winterreise nach Prag und die Entstehung von »Böhmen liegt am Meer« ist ein Sakrileg, ein anstößiger Versuch, die Notwendigkeit des Biografischen in literarischen Fragen zu erweisen und dessen Berechtigung in der analytischen Auseinandersetzung mit den Kunstwerken sinnfällig zu machen. Die Frage nach der Beziehung von Leben und Werk ist jeder theoretischen Anstrengung wert, denn es geht hier um die Frage der Notwendigkeit der Kunst im Leben."
Höller lehrte als Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Salzburg und ist einer der Herausgeber der Salzburger Bachmann-Gesamtausgabe; er gilt als der umfassendste Bachmann-Kenner überhaupt. Larcati ist Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Verona und Direktor des "Stefan Zweig Centre" in Salzburg. Er arbeitet ebenfalls an der Salzburger Bachmann-Edition mit.
g a g a - 10. Januar 2024, 23:40
Ist das deine Sammlung? Ist ja gigantisch
Gaga Nielsen
Zwei Bücher, die hinterher kamen, sind nicht dabei. Es ist im Prinzip das mehr oder weniger vollständige Konvolut von biografischen (vielfache über Bachmann und beide) und autobiografischen Veröffentlichungen, (Tagebücher Frisch, private, nicht zur Veröffentlichung gedachte Notate von Bachmann) die wichtigsten Briefwechsel (Bachmann-Celan, Bachmann-Frisch, Bachmann-Henze) und das schriftstellerische Werk von beiden mit Schwerpunkt ab Juli 1958 mit erkennbaren Bezugnahmen auf die Beziehung. Wenn man sich die Mühe macht, chronologisch abzugleichen, was zur jeweiligen Zeit in verschiedene Richtungen kommuniziert wurde, ist das schon sehr der Wahrheitsfindung dienlich, bei diesem Beziehungs-Krimi. Manchmal ist es nur eine kurze Passage, die für das Aha-Erlebnis sorgt. Beispielsweise hat in dem erwähnten Buch von Hans Höller und Arturo Larcati eine Tagebuchnotiz von Ingeborg Bachmann Einzug gefunden, die ich bislang noch nirgendwo anders gelesen habe, die auch sonst nie veröffentlicht wurde. Es ist der Auszug aus einem direkt nach dem offiziellen Beziehungsende am 1. August 1962 entstandenen Tagebucheintrag, ich glaube vom 6. August 1962. Das heißt, Höller wurde offenbar Zugriff auf den vollständigen Nachlass von Bachmann gewährt, auch die Tagebücher, die bislang nicht veröffentlicht wurden. Es wird erwähnt, dass sie am 6. August 1962 ein neues Tagebuch begann. Eine klare Erkenntnis aus all dieser Lektüre ist, dass Bachmann nicht etwa unter der vielzitierten Eifersucht von Frisch litt, sondern sie explizit zu provozieren versuchte. Sie war vielmehr enttäuscht, dass er von Hause aus weniger Besitzanspruch zeigte, als es ihr gefallen hätte. Daher ihre geheimnisvollen Andeutungen, die anonymen Blumenzusendungen, die sie selbst fortlaufend inszenierte.