18. Oktober 2023
Vor einem halben Jahr erwähnte ich meine damalige Lektüre, eine Sammlung von Kurzgeschichten von Zelda Fitzgerald, "Himbeeren mit Sahne im Ritz" (Penguin Books Taschenbuch, ins Deutsche übersetzt von Eva Bonné). Damals machte ich fünf bis sechs Eselsohren. Gestern las ich nochmals die geknickten Stellen und entschied mich für die folgenden drei Passagen. Also: Prädikat 3 Eselsohren.
Erstes Eselsohr S. 7
"Gracie war hübsch, für ein Mädchen von zwanzig Jahren allerdings ein wenig zu füllig. Ihr flachsblondes Haar hätte herrlich glatt und glänzend sein können, geradezu schön, wenn sie es nicht aufgedreht und über den Ohren festgesteckt hätte, bis ihr Kopf vollkommen deformiert aussah. Ihre blasse Haut schimmerte, ihre großen blauen Augen traten leicht hervor. Ihre Zähne waren klein und sehr weiß. Sie wirkte so warm und feucht wie aus heißem Milchschaum geboren, was sich nicht ausschließen ließ, immerhin hatte niemand je ihre Mutter gesehen. Sie bewegte sich so sinnlich wie die Diva einer Burlesque-Show, jedenfalls in ihren eigenen Augen; hätte Mr. Ziegfeld' (von dem Gracie nie gehört hatte) sie telegrafisch in seine Revue eingeladen, sie wäre nur wenig überrascht gewesen. Im Stillen erwartete sie Großes vom Leben, und zweifellos war das einer der Gründe, warum das Leben ihr Großes gewährte."
Beim zweiten Eselsohr geht es immer noch um die kesse, lebenshungrige Gracie aus New Heidelberg in Minnesota. Sie arbeitet im Familienbetrieb, einer Grillbude, wo regelmäßig ein feiner Herr aus dem größten Kaufhaus der Stadt sein Hühnchen verzehrt. Gracie glaubt irrtümlich, er sei der Blue Ribbon-Kaufhaus-Besitzer, aber er ist nur der Geschäftsführer. Sie träumt manchmal davon, im Kaufhaus anstatt in der Grillbude zu arbeiten und verwickelt ihn in ein Gespräch.
Zweites Eselsohr Seite 11 - 12
"(...) Gracie hatte nicht nur seiner Person geschmeichelt, sondern seiner Stellung im Leben. Er strahlte über das breite Gesicht. Für einen kurzen Moment hielt er vollkommen still und sah Gracie an, ohne auch nur ein Mal zu blinzeln. «Nicht ganz», sagte er und fing erneut zu schwanken an, ich bin nicht der Besitzer. Ich bin der Geschäftsführer. Blue Ribbon hat das Geld, ich habe den Verstand.» Mr. Pomeroys Stimme steigerte sich zu einem selbstbewussten Grölen, und Gracie war trotz ihrer Enttäuschung sehr beeindruckt. «Sind Sie mit ihm verwandt?», fragte sie neugierig. «Nicht ganz», sagte Mr. Pomeroy, «aber fast - wir sind sehr eng.» Womit er andeuten wollte, dass sie sich sehr nahestanden, wenn auch in diesem Moment nicht physisch. «Können Sie einfach hingehen und sagen: Das gefällt mir. Ich glaube, ich nehme das und dann aus dem Laden mitnehmen, was Sie wollen?» Sie war von dem Mann jetzt ganz gefesselt. Auch ihr Vater hörte aufmerksam zu. «Nicht ganz», musste Mr. Pomeroy zugeben. «Um genau zu sein, kann ich die Sachen nicht einfach mitnehmen, aber ich bezahle zwanzig oder fünfundzwanzig Dollar weniger als jemand, der keinen Einfluss genießt und nicht dort arbeitet.» «Ah, ich verstehe», sagte Gracie begeistert und überreichte dem wichtigen Gast einen Teller Hühnchenfleisch. «Deswegen arbeiten die Mädchen da. Ich würde das selbst gern mal probieren. Ich würde billiger kaufen, was mir gefällt, und dann würde ich kündigen.» «O nein, das würden Sie nicht», sagte Mr. Pomeroy mit vollem Mund. «Sie würden nicht kündigen. Das sagen Sie jetzt nur.» Er fuchtelte mit einem fettigen Hühnerbein vor Gracies Gesicht herum. «Ich frage mich, woher Sie das wissen wollen!», rief Gracie empört. «Wenn ich sage, ich kündige, dann kündige ich. Ich kann ja wohl kündigen, wann ich will.» Der Gedanke an die Kündigung erregte sie sehr. Sie sehnte sich leidenschaftlich danach, zu kündigen, und sie hätte zweifellos auf der Stelle gekündigt, hätte es etwas zu kündigen gegeben."
Drittes Eselsohr, Seite 127, andere Geschichte
"Doch für Eloise war Tatkraft ein Gottesgeschenk, auf das man warten muss wie ein Gefangener auf die Gerichtsverhandlung; bis dahin ist man von Hoffnung erfüllt oder von dunklen Vorahnungen."
Jetzt bin ich erstmal fertig mit alten Eselsohren!
Erstes Eselsohr S. 7
"Gracie war hübsch, für ein Mädchen von zwanzig Jahren allerdings ein wenig zu füllig. Ihr flachsblondes Haar hätte herrlich glatt und glänzend sein können, geradezu schön, wenn sie es nicht aufgedreht und über den Ohren festgesteckt hätte, bis ihr Kopf vollkommen deformiert aussah. Ihre blasse Haut schimmerte, ihre großen blauen Augen traten leicht hervor. Ihre Zähne waren klein und sehr weiß. Sie wirkte so warm und feucht wie aus heißem Milchschaum geboren, was sich nicht ausschließen ließ, immerhin hatte niemand je ihre Mutter gesehen. Sie bewegte sich so sinnlich wie die Diva einer Burlesque-Show, jedenfalls in ihren eigenen Augen; hätte Mr. Ziegfeld' (von dem Gracie nie gehört hatte) sie telegrafisch in seine Revue eingeladen, sie wäre nur wenig überrascht gewesen. Im Stillen erwartete sie Großes vom Leben, und zweifellos war das einer der Gründe, warum das Leben ihr Großes gewährte."
Beim zweiten Eselsohr geht es immer noch um die kesse, lebenshungrige Gracie aus New Heidelberg in Minnesota. Sie arbeitet im Familienbetrieb, einer Grillbude, wo regelmäßig ein feiner Herr aus dem größten Kaufhaus der Stadt sein Hühnchen verzehrt. Gracie glaubt irrtümlich, er sei der Blue Ribbon-Kaufhaus-Besitzer, aber er ist nur der Geschäftsführer. Sie träumt manchmal davon, im Kaufhaus anstatt in der Grillbude zu arbeiten und verwickelt ihn in ein Gespräch.
Zweites Eselsohr Seite 11 - 12
"(...) Gracie hatte nicht nur seiner Person geschmeichelt, sondern seiner Stellung im Leben. Er strahlte über das breite Gesicht. Für einen kurzen Moment hielt er vollkommen still und sah Gracie an, ohne auch nur ein Mal zu blinzeln. «Nicht ganz», sagte er und fing erneut zu schwanken an, ich bin nicht der Besitzer. Ich bin der Geschäftsführer. Blue Ribbon hat das Geld, ich habe den Verstand.» Mr. Pomeroys Stimme steigerte sich zu einem selbstbewussten Grölen, und Gracie war trotz ihrer Enttäuschung sehr beeindruckt. «Sind Sie mit ihm verwandt?», fragte sie neugierig. «Nicht ganz», sagte Mr. Pomeroy, «aber fast - wir sind sehr eng.» Womit er andeuten wollte, dass sie sich sehr nahestanden, wenn auch in diesem Moment nicht physisch. «Können Sie einfach hingehen und sagen: Das gefällt mir. Ich glaube, ich nehme das und dann aus dem Laden mitnehmen, was Sie wollen?» Sie war von dem Mann jetzt ganz gefesselt. Auch ihr Vater hörte aufmerksam zu. «Nicht ganz», musste Mr. Pomeroy zugeben. «Um genau zu sein, kann ich die Sachen nicht einfach mitnehmen, aber ich bezahle zwanzig oder fünfundzwanzig Dollar weniger als jemand, der keinen Einfluss genießt und nicht dort arbeitet.» «Ah, ich verstehe», sagte Gracie begeistert und überreichte dem wichtigen Gast einen Teller Hühnchenfleisch. «Deswegen arbeiten die Mädchen da. Ich würde das selbst gern mal probieren. Ich würde billiger kaufen, was mir gefällt, und dann würde ich kündigen.» «O nein, das würden Sie nicht», sagte Mr. Pomeroy mit vollem Mund. «Sie würden nicht kündigen. Das sagen Sie jetzt nur.» Er fuchtelte mit einem fettigen Hühnerbein vor Gracies Gesicht herum. «Ich frage mich, woher Sie das wissen wollen!», rief Gracie empört. «Wenn ich sage, ich kündige, dann kündige ich. Ich kann ja wohl kündigen, wann ich will.» Der Gedanke an die Kündigung erregte sie sehr. Sie sehnte sich leidenschaftlich danach, zu kündigen, und sie hätte zweifellos auf der Stelle gekündigt, hätte es etwas zu kündigen gegeben."
Drittes Eselsohr, Seite 127, andere Geschichte
"Doch für Eloise war Tatkraft ein Gottesgeschenk, auf das man warten muss wie ein Gefangener auf die Gerichtsverhandlung; bis dahin ist man von Hoffnung erfüllt oder von dunklen Vorahnungen."
Jetzt bin ich erstmal fertig mit alten Eselsohren!
g a g a - 18. Oktober 2023, 11:45
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