11. Oktober 2023

Zweite Hälfte Best of Kirchhoff "Die Liebe in groben Zügen"


S. 429, 430

Sie fuhr und fuhr, Mannheim, Karlsruhe, Freiburg, die Autobahn fast voller als bei Tag, sie kam nicht voran, wie sie wollte, und sprach dafür vor sich hin, was sie wollte, alles, was sie sich in Wilfingers Büro verkniffen hatte oder auf das sie gar nicht gekommen war in seiner Gegenwart, aber jetzt kam. Warum war Schluss mit mir und den Mitternachtstipps, sagen Sie's einfach. Aber er sagte nur Scheiße, und nicht einmal das richtig. Also, warum nicht: Scheiße, Sie sind zu alt, Vila, bald dreiundfünfzig, aber unsere Zuschauer um diese Nachtzeit, die sind dreißig und jünger. Und sehen nicht irgendwelche Zeichen oder Dinge, die sie weiterzappen lassen, sondern Ihre konkreten Fältchen, wenn Sie es genau wissen wollen, am Hals, um die Augen, am Brustansatz, wo's zu den Titten geht, die Sie immer verstecken. Das ist wie Schmutz auf dem Schirm, wie Fussel auf einem sauberen Flatscreen. Das hätte er sagen können, und sie hätte ihn samt seiner Schreckensfrau und Hobbydesignerin nie zu ihrem Sommerfest eingeladen. Hat sie aber, obwohl alles so gemeint war, nur warum hat sie's dann? Weil er sie an ihren Vertrag erinnert hat auf seiner Silvesterparty, Und wissen Sie: Ob Sie nun vor der Kamera sind oder dahinter, Sie sind es mit einem festen Vertrag! Sagt er so, meint Renz. Ein paar Neujahrsworte zu einer festen Freien. Oder freien Festen, auch nur Worte. Dann lieber frei sein, aber festgehalten. Sie konnte Wilfinger nicht mehr ausladen, nur ertragen. Vila, wie jung Sie wirken!, noch ein Silvesterknaller. Aber was sagt dem Dreißigjährigen dann bei ihrem Anblick, dass er weiterzappen soll? Ihr Mund wohl kaum, auf den hat Wilfinger ständig gestarrt. Auch nicht die Frisur, ihre Nachfolgerin geht zum selben Friseur. Bleibt neben den Schmutzfältchen nur der Blick, das muss es sein, (...)


S. 435

Renz war ja mehr ein Gelegenheitsvater: wenn die Kleine erst ausgehen kann, wird alles nachgeholt, ein ewiger Spruch. Einen Scheiß hat er nachgeholt, als sie fünfzehn war. Zeit blieb nur für eine neue Serienheldin, seine Dorfschullehrerin Zeisig, auch noch ihre Idee, dieser zündende Name Stella Zeisig. Die sie sich jeden Mittwochabend beim ersten Glas Wein in einem Fernseher auf der Küchenkommode ansah, während Renz mit keiner Wimper zuckte, ihre Dummheit in Kauf nahm - wer keine Ahnung hat, der ist dumm. Zwei ganze Jahre lang war sie dumm. Sechsundzwanzig Folgen, je dreizehn in jedem Winter, mittwochs vor der Tagesschau: die Idiotinvilastunde. Er sah seine Geliebte, sie sah die Zeisig. (...) Nach der letzten Folge hatte die Heldin genug von Renz, und er ließ sich häuslich trösten, sie reisten noch einmal durch Marokko, (...) Ein Versöhnungstrip, sie machten es in jedem Hotel, neben dem Bett eine Wasserflasche (...) Es war seine Versöhnung, nicht ihre. Und in Erfoud, am Rand der Wüste, hat sie es aus ihm herausgeprügelt, sein gescheitertes Liebesding mit der Serienfotze: ihr Erlösungswort in der Sache. Renz heulte, und sie heulte mit. Und jetzt hängt sie an ihm, weil ihre Zeit in ihm steckt, ihre Tränen. Und genauso seine Zeit in ihr.


S. 525

Es gibt ein Sofa, einen Büchertisch, Bilder, die sie gemeinsam gekauft haben; die Sofakissen in den Farben Italiens, seiner alten Städte, das blasse Rot, blasse Gelb. Immer noch nackt, legt sie sich zwischen die Kissen. Jedes Buch auf dem Tisch, ein legendärer Titel, in diesem Sommer wird sie nichts davon lesen. Sie ist selbst am Kern des Lebens.


S. 587

Und Liebschaft, eins ihrer Zufluchtsworte. Wie Glück. Oder Schönheit. Nur war Schönheit für sie Bewegung, Bühls Gang, seine Gesten, seine Blicke, er konnte einen ansehen, als werde man getauft. Ich taufe dich im Namen des weiblichen Geistes, der kranken Sehnsucht, des Verlangens. Und Glück, das waren solche Taufen, die sich nicht fassen ließen, auch nicht hinterher.


S. 638

Mit dem Verschwinden des geliebten Anderen verschwindet immer auch eine Idee von Liebe, weil der Andere im Grunde nicht genug von ihr hält, weil er von sich selbst nicht genug hält. Also geht er samt der Idee, die er mit in die Welt gesetzt hat, verflüchtigt sich wie die Rücklichter eines Überholenden im Nebel.


S. 639

Renz räumt die Kabine auf, schon für den nächsten Sommer (...). Das Boot schwankt, und sie springt in den See, ihr Körper leuchtet beim Schwimmen, sie hat es auf einem Video gesehen, die Beine gehen auf und zu, immer wieder ihr Schoß, seine Aue: ein frühes Renzwort, schon lang außer Gebrauch, aber sicher noch in ihm. Und irgendwann vielleicht das Letzte, das er vor Augen hat, als Wort und Bild in einem, während die Augen schon nichts mehr sehen.

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