13. April 2023
Liebe Leute, liebe Leseratten,
Literaturkritik ist zwar nicht mein Fachgebiet, aber ich lese seit Kindesbeinen leidenschaftlich gerne und habe Vorlieben und Abneigungen und die Gabe einer differenzierten Wahrnehmung. Für mich gibt es nicht pauschal "genial" oder "kannste in die Tonne kloppen", wenn ich ein Buch vor mir habe. Ich bin eine detailverliebte Jungfrau und bemühe mich gerecht zu urteilen.
Unlängst wurde ich durch einen Blogeintrag von einer Freundin auf einen Roman aufmerksam. Sie hatte eine Leseprobe gelesen und war nicht weiter interessiert. Sie erwähnte sinngemäß, dass ihr das Buch von einer literatursachverständigen Freundin als ein durchschlagender Erfolg bei jüngeren Lesern, den Millenials, genannt wurde. Die Rede ist von dem um 2020 veröffentlichten Roman "Allegro Pastell" von Leif Randt, ein bejubelter Bestseller, der 1982 geborene Randt gewann Jahre vorher auch einmal den Bachmannpreis.
Das Buch handelt grob von dem Lieben, Treiben und Hadern eines im Hessischen wohnenden Webdesigners Mitte Dreißig, namens Jerome, der zwischen zwei Frauen herumlaviert, die eine ist eine Fernbeziehung in Berlin, Autorin, Shootingstar, die andere eine ehemalige Schulkameradin, die bei ihm in der Nähe lebt. Ich war neugierig, was ein Buch beinhaltet, das so ein Erfolg ist, bestellte es mir für fünf Euro gebraucht bei Amazon und las es vor ca. zwei Wochen. Auf der Rückseite des Einbands steht als Testimonial eines FAZ-Kritikers, wenn man alle Stellen, die toll sind, gelb markerte, wären in dem Buch bald alle Seiten gelb.
Ich begann zu lesen, es las sich so locker weg und ich machte bald das erste Eselsohr, wo mir eine Stelle gefiel. Zwischen Seite 54 und 217 machte ich kein Eselsohr, da war nichts so Besonderes und ich begann mich auch ein wenig zu langweilen. Die Kurzweil der ersten fünfzig Seiten konnte sich nicht halten, ich empfand, dass das Buch in eine Schleife ging und langweilte mich speziell bei den wiederholten Beschreibungen von Ausgehen unter Zuhilfenahme der verschiedensten Partydrogen.
Als ich zwanzig war, hatte ich auch die wichtigsten damals erhältlichen Drogen durchprobiert, ich wollte mitreden können und war experimentierfeudig. Aber über die verschiedenen Zustände von Bekifftheit oder LSD-Trips zu palavern, wäre mir nicht in den Sinn gekommen. An der Stelle finde ich das Werk für einen Mitt- bis Enddreißiger etwas pubertär und wundere mich auch, dass das repräsentativ für das Lebensgefühl seiner Generation sein soll. In Randts Buch wird eine ganz bestimmte Szene von wohlsituierten Mittdreißigern, die "irgendwas mit Medien" machen, ungebunden sind und mit ihren Gefühlen hadern, beleuchtet. Ich finde das eher austauschbar, nur die Eckdaten der Versatzstücke sind bei jeder Generation etwas anders. Dass der Konsum dieser ganzen Litanei synthetischer Stimmungsaufheller bei in den Achtzigern Geborenen Alltags-Standard sind, glaube ich nicht.
Das also langweilte mich etwas. Aber, ich fand doch einige Passagen gelungen und manchen Gedanken orginell und lesenswert. Da diese Stellen nicht vollständig in der Leseprobe sind, nehme ich mir heraus, sie hier zu posten. Ich habe mir dafür sogar einen gelben Textmarker genommen und die Stellen im Buch markiert. Insgesamt macht das ca. 5 Prozent vom ganzen Buch aus. Ich bin also etwas anderer Meinung als der FAZ-Rezensent. Der Autor, Leif Randt ist mittlerweile übrigens Vierzig. Das Buch hat offensichtlich starke biographische Züge, wohl ausgprägtere, als seine beiden Vorgänger-Romane.
Also hier nun meine gelb gemarkerten Stellen, die durch entweder originäre Gedankengänge, eine scharfe Beobachtungsgabe oder einen gewissen Humor brillieren. Talent ist bei Randt durchaus vorhanden. Die Stellen, wo er seine Nostalgie-Kritik formuliert, haben mich speziell angesprochen. Ich teile diese Sichtweise, halte sie für valide!
S. 13
„Jerome hatte während der Lektüre häufig gelacht. Die zahlreichen Kritiken zu dem Buch hatte er erst nachgelesen, als er Tanja schon persönlich kannte. Offenbar hatten zu „Panoptikum Neu“ viele verschiedene Menschen viele verschiedene Zugänge gefunden. Einige Fans gingen so weit, zu behaupten, dass sie die Lektüre verändert habe. Und diejenigen, die das Buch nicht mochten, wirkten peinlich stolz darauf, es nicht zu mögen, denn sie mochten ein Buch nicht, das anderen etwas bedeutete, was ihnen ein Gefühl dunkler Überlegenheit gab.“
S. 14
„Tanja hatte geantwortet, dass sie genau das an ihm schätze. Dass so wenige Menschen sich trauten, ihre echten Erinnerungen zu erzählen, da diese naturgemäß arm an Pointen waren.“
S. 15
„Nostalgie war nur ein träger Reflex, der einem Mangel an Ideen entsprang – so ähnlich hatte es seine Mutter einmal formuliert.“
S. 23
„Mit einem (…) Glas in der Hand erzählte Jerome jetzt: »Während des Gottesdienstes verspielte sich eine minderjährige Flötistin bei einem Solo sehr oft. Es war eigentlich zum Lachen. Aber anstatt zu lachen, hat sich die gesamte Kirchengemeinde geschämt. Man war mitleidig berührt. Ich glaube, in diesem Moment habe ich die protestantische Religion verstanden: einem biederen Flötenkonzert aufmerksam zuhören, hoffen, dass sich niemand blamiert, und dann mitleiden, wenn die Schülerin nicht gut genug geübt hat, weil man ahnt, dass ihr dieses Versagen lange nachhängen wird. Das ist Protestantismus.«“
S. 39
„Sie liebte ihn, ja, sie liebte ihn wirklich, und genau das wollte sie ihm jetzt schreiben, aber sie sparte es sich dann doch. Ihre Situationen unterschieden sich zu sehr. Sie stand im Bass, er blickte ins Naturschutzgebiet.“
S. 46, 47
„Als sein Vater nach Tanja frage, erzählte er, dass Ostern sehr schön gewesen sei, eher ruhig, mit Museum und Kino, ohne ausschweifendes Ausgehen. Das Ausgehen der nach 1980 Geborenen konnte sich sein Vater nur bedingt vorstellen, aber es schien ihn auch nicht sonderlich zu interessieren.
(…)
Jeromes Eindruck war, dass sein Vater nachfolgende Generationen zu keinem Zeitpunkt abschätzig betrachtete, viel eher schien er auf eine gesunde Weise wehmütig zu sein. Jerome schätze es, wenn Menschen in der Lage waren, Wehmut zu entwickeln. Nostalgie bewertete er deutlich kritischer. Jerome glaubte, dass Wehmut als politisch links und Nostalgie als politisch rechts einzustufen war. Im Aufkommen von Wehmut erkannte er ein Eingeständnis von Schwäche und Schutzbedürftigkeit, während Nostalgie die selbstgerechte und zumeist stolze Glorifizierung einer Vergangenheit war, die es nie gegeben hatte. Jerome äußerte diesen Gedanken aber nie, da er ihm nicht gänzlich valide vorkam.“
S. 54
„(…) aber diese Anziehung, die auch schon ein Jahr zuvor auf einem Konzert der Crystal Castles in Frankfurt spürbar gewesen war, vermischte sich mit einer peinlichen Intimität, die daher rührte, dass man sich aus Grundschulzeiten kannte. Als wäre die Anziehung folglich verboten oder auf eine abgründige Weise konservativ.“
S. 217
„Jerome erzählte seiner Mutter mit einer etwas zu großen Ernsthaftigkeit, die womöglich auch von den Knieschmerzen getriggert wurde, dass er im Endeffekt immer jene Gerichte am liebsten mochte, die sich im weitesten Sinne unter der Bezeichnung ‘Internationale Hausmannskost‘ subsumieren ließen. »Das gilt eigentlich für Asien genauso wie für Europa und Amerika«, sagte Jerome, »bei Afrika und Ozeanien kann ich es nicht sagen.« Seine Mum lächelte mild und sagte: »Das erzählst du oft.«
S. 221, 222
„Es lief eine Spotify-Playlist mit dem Titel ‘Christmas Calling 2018‘, die sie selbst zusammengestellt hatte. Darauf befanden sich klassische amerikanische Weihnachtslieder ebenso wie angenehme Hintergrundmusik. So saß die Familie Arnheim in einem Klangteppich aus freundlichen Songs, die unweigerlich an alte Disney-Filme erinnerten, und unterhielten sich über das bevorstehende Ende der Ära Merkel, weil das ein Thema war, das auf keinen Fall zum Streit führen würde. Alle vier Arnheims hatten Angela Merkel ins Herz geschlossen, auf einer affektiv-menschlichen Ebene, ohne sie je gewählt zu haben.“
S. 224, 225
„Sarah hatte eine Videoarbeit von Steve Bishop im KW so sehr gemocht, dass sie alleine noch mal zurückgegangen war, um das Video, das eine Kamerafahrt durch ein verlassenes kanadisches Dorf zeigte, ein weiteres Mal in voller Länge anzuschauen. Tanja hatte sich darüber gefreut. In Wahrheit passierte es ja selten, dass einem ein Kunstwerk wirklich gefiel, und wenn es dann doch mal vorkam, zudem an Weihnachten, war das ein Grund zum Feiern, fand sie, und das sagte sie auch zu Sarah, die das wohl als Bevormundung empfand. Sie könne sich ziemlich oft für ruhige Videoarbeiten begeistern, erwiderte Sarah, diese Nichtbegeisterungsfähigkeit, die sei doch viel eher Tanjas Problem.“
S. 271
„Die Frau, die neben ihm am Steuer saß, hatte er schon immer gemocht, und dennoch war sie neu für ihn. Am Comer See hatte sie gesagt: »Seit mein Vater an Krebs gestorben ist, glaube ich an Willkür. Man sollte die Realität akzeptieren und genießen.« Jerome hatte dieser Perspektive einiges abgewinnen können.“
S. 273
„»Angenehme Standard-Pizza«, sagte Jerome und musste dabei an Tanja denken, denn sie hätte sicher Ähnliches gesagt. Tanjas Freude daran, sich mittelmäßig oder sogar schlecht zu ernähren, hatte Jerome immer charmant gefunden.“
S. 275
„Die Verhaltensweisen der Teenagergruppe im Film deckten sich mit denen von Jeromes Freundeskreis aus den frühen Zweitausendern nahezu komplett, obwohl seine Jugend in Maintal stattgefunden hatte und nicht in Kalifornien. Jerome fragte sich, ob der Film ihn so sehr aufwühlte, weil er ihn daran erinnerte, dass selbst sein Leben einmal anstrengend gewesen war, oder weil er ihm die Austauschbarkeit seiner Erfahrungen vor Augen führte.“
S. 277
„Die Wahrheit ist ja, dass ich nicht unglücklich bin, wenn ich alleine bin. Und doch besteht diese vage Sehnsucht danach, dass etwas passiert, das sich der eigenen Kontrolle entzieht. Mit dir ist es ein bisschen so gewesen. Und du warst trotzdem immer weit genug weg.“
Literaturkritik ist zwar nicht mein Fachgebiet, aber ich lese seit Kindesbeinen leidenschaftlich gerne und habe Vorlieben und Abneigungen und die Gabe einer differenzierten Wahrnehmung. Für mich gibt es nicht pauschal "genial" oder "kannste in die Tonne kloppen", wenn ich ein Buch vor mir habe. Ich bin eine detailverliebte Jungfrau und bemühe mich gerecht zu urteilen.
Unlängst wurde ich durch einen Blogeintrag von einer Freundin auf einen Roman aufmerksam. Sie hatte eine Leseprobe gelesen und war nicht weiter interessiert. Sie erwähnte sinngemäß, dass ihr das Buch von einer literatursachverständigen Freundin als ein durchschlagender Erfolg bei jüngeren Lesern, den Millenials, genannt wurde. Die Rede ist von dem um 2020 veröffentlichten Roman "Allegro Pastell" von Leif Randt, ein bejubelter Bestseller, der 1982 geborene Randt gewann Jahre vorher auch einmal den Bachmannpreis.
Das Buch handelt grob von dem Lieben, Treiben und Hadern eines im Hessischen wohnenden Webdesigners Mitte Dreißig, namens Jerome, der zwischen zwei Frauen herumlaviert, die eine ist eine Fernbeziehung in Berlin, Autorin, Shootingstar, die andere eine ehemalige Schulkameradin, die bei ihm in der Nähe lebt. Ich war neugierig, was ein Buch beinhaltet, das so ein Erfolg ist, bestellte es mir für fünf Euro gebraucht bei Amazon und las es vor ca. zwei Wochen. Auf der Rückseite des Einbands steht als Testimonial eines FAZ-Kritikers, wenn man alle Stellen, die toll sind, gelb markerte, wären in dem Buch bald alle Seiten gelb.
Ich begann zu lesen, es las sich so locker weg und ich machte bald das erste Eselsohr, wo mir eine Stelle gefiel. Zwischen Seite 54 und 217 machte ich kein Eselsohr, da war nichts so Besonderes und ich begann mich auch ein wenig zu langweilen. Die Kurzweil der ersten fünfzig Seiten konnte sich nicht halten, ich empfand, dass das Buch in eine Schleife ging und langweilte mich speziell bei den wiederholten Beschreibungen von Ausgehen unter Zuhilfenahme der verschiedensten Partydrogen.
Als ich zwanzig war, hatte ich auch die wichtigsten damals erhältlichen Drogen durchprobiert, ich wollte mitreden können und war experimentierfeudig. Aber über die verschiedenen Zustände von Bekifftheit oder LSD-Trips zu palavern, wäre mir nicht in den Sinn gekommen. An der Stelle finde ich das Werk für einen Mitt- bis Enddreißiger etwas pubertär und wundere mich auch, dass das repräsentativ für das Lebensgefühl seiner Generation sein soll. In Randts Buch wird eine ganz bestimmte Szene von wohlsituierten Mittdreißigern, die "irgendwas mit Medien" machen, ungebunden sind und mit ihren Gefühlen hadern, beleuchtet. Ich finde das eher austauschbar, nur die Eckdaten der Versatzstücke sind bei jeder Generation etwas anders. Dass der Konsum dieser ganzen Litanei synthetischer Stimmungsaufheller bei in den Achtzigern Geborenen Alltags-Standard sind, glaube ich nicht.
Das also langweilte mich etwas. Aber, ich fand doch einige Passagen gelungen und manchen Gedanken orginell und lesenswert. Da diese Stellen nicht vollständig in der Leseprobe sind, nehme ich mir heraus, sie hier zu posten. Ich habe mir dafür sogar einen gelben Textmarker genommen und die Stellen im Buch markiert. Insgesamt macht das ca. 5 Prozent vom ganzen Buch aus. Ich bin also etwas anderer Meinung als der FAZ-Rezensent. Der Autor, Leif Randt ist mittlerweile übrigens Vierzig. Das Buch hat offensichtlich starke biographische Züge, wohl ausgprägtere, als seine beiden Vorgänger-Romane.
Also hier nun meine gelb gemarkerten Stellen, die durch entweder originäre Gedankengänge, eine scharfe Beobachtungsgabe oder einen gewissen Humor brillieren. Talent ist bei Randt durchaus vorhanden. Die Stellen, wo er seine Nostalgie-Kritik formuliert, haben mich speziell angesprochen. Ich teile diese Sichtweise, halte sie für valide!
S. 13
„Jerome hatte während der Lektüre häufig gelacht. Die zahlreichen Kritiken zu dem Buch hatte er erst nachgelesen, als er Tanja schon persönlich kannte. Offenbar hatten zu „Panoptikum Neu“ viele verschiedene Menschen viele verschiedene Zugänge gefunden. Einige Fans gingen so weit, zu behaupten, dass sie die Lektüre verändert habe. Und diejenigen, die das Buch nicht mochten, wirkten peinlich stolz darauf, es nicht zu mögen, denn sie mochten ein Buch nicht, das anderen etwas bedeutete, was ihnen ein Gefühl dunkler Überlegenheit gab.“
S. 14
„Tanja hatte geantwortet, dass sie genau das an ihm schätze. Dass so wenige Menschen sich trauten, ihre echten Erinnerungen zu erzählen, da diese naturgemäß arm an Pointen waren.“
S. 15
„Nostalgie war nur ein träger Reflex, der einem Mangel an Ideen entsprang – so ähnlich hatte es seine Mutter einmal formuliert.“
S. 23
„Mit einem (…) Glas in der Hand erzählte Jerome jetzt: »Während des Gottesdienstes verspielte sich eine minderjährige Flötistin bei einem Solo sehr oft. Es war eigentlich zum Lachen. Aber anstatt zu lachen, hat sich die gesamte Kirchengemeinde geschämt. Man war mitleidig berührt. Ich glaube, in diesem Moment habe ich die protestantische Religion verstanden: einem biederen Flötenkonzert aufmerksam zuhören, hoffen, dass sich niemand blamiert, und dann mitleiden, wenn die Schülerin nicht gut genug geübt hat, weil man ahnt, dass ihr dieses Versagen lange nachhängen wird. Das ist Protestantismus.«“
S. 39
„Sie liebte ihn, ja, sie liebte ihn wirklich, und genau das wollte sie ihm jetzt schreiben, aber sie sparte es sich dann doch. Ihre Situationen unterschieden sich zu sehr. Sie stand im Bass, er blickte ins Naturschutzgebiet.“
S. 46, 47
„Als sein Vater nach Tanja frage, erzählte er, dass Ostern sehr schön gewesen sei, eher ruhig, mit Museum und Kino, ohne ausschweifendes Ausgehen. Das Ausgehen der nach 1980 Geborenen konnte sich sein Vater nur bedingt vorstellen, aber es schien ihn auch nicht sonderlich zu interessieren.
(…)
Jeromes Eindruck war, dass sein Vater nachfolgende Generationen zu keinem Zeitpunkt abschätzig betrachtete, viel eher schien er auf eine gesunde Weise wehmütig zu sein. Jerome schätze es, wenn Menschen in der Lage waren, Wehmut zu entwickeln. Nostalgie bewertete er deutlich kritischer. Jerome glaubte, dass Wehmut als politisch links und Nostalgie als politisch rechts einzustufen war. Im Aufkommen von Wehmut erkannte er ein Eingeständnis von Schwäche und Schutzbedürftigkeit, während Nostalgie die selbstgerechte und zumeist stolze Glorifizierung einer Vergangenheit war, die es nie gegeben hatte. Jerome äußerte diesen Gedanken aber nie, da er ihm nicht gänzlich valide vorkam.“
S. 54
„(…) aber diese Anziehung, die auch schon ein Jahr zuvor auf einem Konzert der Crystal Castles in Frankfurt spürbar gewesen war, vermischte sich mit einer peinlichen Intimität, die daher rührte, dass man sich aus Grundschulzeiten kannte. Als wäre die Anziehung folglich verboten oder auf eine abgründige Weise konservativ.“
S. 217
„Jerome erzählte seiner Mutter mit einer etwas zu großen Ernsthaftigkeit, die womöglich auch von den Knieschmerzen getriggert wurde, dass er im Endeffekt immer jene Gerichte am liebsten mochte, die sich im weitesten Sinne unter der Bezeichnung ‘Internationale Hausmannskost‘ subsumieren ließen. »Das gilt eigentlich für Asien genauso wie für Europa und Amerika«, sagte Jerome, »bei Afrika und Ozeanien kann ich es nicht sagen.« Seine Mum lächelte mild und sagte: »Das erzählst du oft.«
S. 221, 222
„Es lief eine Spotify-Playlist mit dem Titel ‘Christmas Calling 2018‘, die sie selbst zusammengestellt hatte. Darauf befanden sich klassische amerikanische Weihnachtslieder ebenso wie angenehme Hintergrundmusik. So saß die Familie Arnheim in einem Klangteppich aus freundlichen Songs, die unweigerlich an alte Disney-Filme erinnerten, und unterhielten sich über das bevorstehende Ende der Ära Merkel, weil das ein Thema war, das auf keinen Fall zum Streit führen würde. Alle vier Arnheims hatten Angela Merkel ins Herz geschlossen, auf einer affektiv-menschlichen Ebene, ohne sie je gewählt zu haben.“
S. 224, 225
„Sarah hatte eine Videoarbeit von Steve Bishop im KW so sehr gemocht, dass sie alleine noch mal zurückgegangen war, um das Video, das eine Kamerafahrt durch ein verlassenes kanadisches Dorf zeigte, ein weiteres Mal in voller Länge anzuschauen. Tanja hatte sich darüber gefreut. In Wahrheit passierte es ja selten, dass einem ein Kunstwerk wirklich gefiel, und wenn es dann doch mal vorkam, zudem an Weihnachten, war das ein Grund zum Feiern, fand sie, und das sagte sie auch zu Sarah, die das wohl als Bevormundung empfand. Sie könne sich ziemlich oft für ruhige Videoarbeiten begeistern, erwiderte Sarah, diese Nichtbegeisterungsfähigkeit, die sei doch viel eher Tanjas Problem.“
S. 271
„Die Frau, die neben ihm am Steuer saß, hatte er schon immer gemocht, und dennoch war sie neu für ihn. Am Comer See hatte sie gesagt: »Seit mein Vater an Krebs gestorben ist, glaube ich an Willkür. Man sollte die Realität akzeptieren und genießen.« Jerome hatte dieser Perspektive einiges abgewinnen können.“
S. 273
„»Angenehme Standard-Pizza«, sagte Jerome und musste dabei an Tanja denken, denn sie hätte sicher Ähnliches gesagt. Tanjas Freude daran, sich mittelmäßig oder sogar schlecht zu ernähren, hatte Jerome immer charmant gefunden.“
S. 275
„Die Verhaltensweisen der Teenagergruppe im Film deckten sich mit denen von Jeromes Freundeskreis aus den frühen Zweitausendern nahezu komplett, obwohl seine Jugend in Maintal stattgefunden hatte und nicht in Kalifornien. Jerome fragte sich, ob der Film ihn so sehr aufwühlte, weil er ihn daran erinnerte, dass selbst sein Leben einmal anstrengend gewesen war, oder weil er ihm die Austauschbarkeit seiner Erfahrungen vor Augen führte.“
S. 277
„Die Wahrheit ist ja, dass ich nicht unglücklich bin, wenn ich alleine bin. Und doch besteht diese vage Sehnsucht danach, dass etwas passiert, das sich der eigenen Kontrolle entzieht. Mit dir ist es ein bisschen so gewesen. Und du warst trotzdem immer weit genug weg.“
g a g a - 13. April 2023, 17:25
13. April 2023 um 23:49
Das letzte Zitat könnte ich unterschreiben.
Gaga Nielsen
14. April 2023 um 0:00
ich auch