07. Januar 2022
"Sie müssen das ändern, Schönberg. Haben Ihre Schüler Dostojewskij gelesen, so ist das wichtiger als der Kontrapunkt."
Gustav Mahler
"Wenn Sie Gelegenheit haben, zu beobachten, wie Mahler seine Krawatte bindet, erfahren Sie mehr über den Kontrapunkt, als Sie in drei Jahren Konservatorium lernen können."
Arnold Schönberg
"Berlin empfing alles, was jung, neu, kühn und anders war, mit offenen Armen" (R. Serkin). Die Philharmoniker hatten es sich weitgehend zum Prinzip gemacht, zeitgenössische Komponisten ihre eigenen Werke dirigieren zu lassen, und so hatten die Berliner Gelegenheit, die Originalinterpretationen der gerade letzten Schöpfungen von Strawinsky, Ravel, Bartok oder Prokofieff zu hören. Einer der interessantesten dieser Gaststars war Arnold Schönberg. Im September 1925 kam Schönberg nach Berlin - der radikalste Extremist der modernen Musik. Er bezog eine Wohnung in der Nürnberger Straße, wo er ein Musikzimmer zunächst mit einem Klavier, einem Harmonium und einer Gitarre ausstattete. Ein weiterer Raum war ausschließlich für Tischtennis reserviert, das der Meister leidenschaftlich gern spielte. Schönberg unterrichtete nur ungern in den Räumen der Hochschule am Steinplatz, also kamen seine Studenten in seine Wohnung, um seinen Analysen zuzuhören - keineswegs über neue Musik, sondern über Bach und Mozart.
Zu dieser Zeit war Schönberg 51 Jahre, hager, kahlköpfig, asthmatisch, streng und überaus reizbar - viele Jahre lange giftige Feindseligkeiten hatten ihn, der seit 1908 in freier Atonalität komponierte, verbittert. Diejenigen, die Schönberg genauer kannten, ließen sich von seiner scheinbaren Kälte und seiner Aggressivitätt nicht beirren. "Schönberg war ein phantastischer Mensch", berichtet Rudolf Serkin weiter. "Ich liebte ihn. Aber ich konnte seine Musik nicht lieben. Ich sagte es ihm, und er hat es mir nie verziehen. Er meinte nur: "Es ist Ihre Sache, zu entscheiden, auf welcher Seite der Barrikaden Sie stehen wollen."
"Ich studierte eine Zeitlang Kompositionslehre bei ihm", fährt Serkin fort "Es ging ganz unförmlich zu, wir waren höchstens sechs oder sieben Schüler in der Klasse. Aber auch akademisch! Er lehrte uns den Kontrapunkt. Wir mußten Variationen über irgendein Thema schreiben. Einmal komponierte ich ein Rondo für Klavier. Er sah es an und sagte: "Serkin, ich werde alle die Teile, die Ihnen am besten gefallen, streichen." Serkin ahmte einen Mann nach, der eine riesige Schere handhabt. "Das tat er auch. Er strich alles Überflüssige, alles Dekorative weg. Er wollte nur das Essentielle. Für ihn war Komposition ein Handwerk, und jedes Einzelteil sollte möglichst gut gezimmert sein. Er pflegte Mendelssohns Trio in d-Moll als Beispiel eines schlecht geschriebenen Stücks anzuführen. "Aber es ist so schön", prostestierte ich. War er dagegen, weil es sentimental ist? Nein, wegen der Konstruktion. Er hielt das zweite Thema für falsch und einen Teil des Aufbaus für unproportioniert. Schönberg hatte eigentlich nichts gegen Gefühle. Er bemühte sich in all seinen Werken sogar um Emotion. Und ich glaube, er änderte schließlich auch seine Ansicht über Mendelssohn - "gar nicht so schlecht".
Otto Friedrich, Weltstadt Berlin - Größe und Untergang 1918 - 1933, Verlag Kurt Desch 1973, S. 168, 175 - 176
Gustav Mahler
"Wenn Sie Gelegenheit haben, zu beobachten, wie Mahler seine Krawatte bindet, erfahren Sie mehr über den Kontrapunkt, als Sie in drei Jahren Konservatorium lernen können."
Arnold Schönberg
"Berlin empfing alles, was jung, neu, kühn und anders war, mit offenen Armen" (R. Serkin). Die Philharmoniker hatten es sich weitgehend zum Prinzip gemacht, zeitgenössische Komponisten ihre eigenen Werke dirigieren zu lassen, und so hatten die Berliner Gelegenheit, die Originalinterpretationen der gerade letzten Schöpfungen von Strawinsky, Ravel, Bartok oder Prokofieff zu hören. Einer der interessantesten dieser Gaststars war Arnold Schönberg. Im September 1925 kam Schönberg nach Berlin - der radikalste Extremist der modernen Musik. Er bezog eine Wohnung in der Nürnberger Straße, wo er ein Musikzimmer zunächst mit einem Klavier, einem Harmonium und einer Gitarre ausstattete. Ein weiterer Raum war ausschließlich für Tischtennis reserviert, das der Meister leidenschaftlich gern spielte. Schönberg unterrichtete nur ungern in den Räumen der Hochschule am Steinplatz, also kamen seine Studenten in seine Wohnung, um seinen Analysen zuzuhören - keineswegs über neue Musik, sondern über Bach und Mozart.
Zu dieser Zeit war Schönberg 51 Jahre, hager, kahlköpfig, asthmatisch, streng und überaus reizbar - viele Jahre lange giftige Feindseligkeiten hatten ihn, der seit 1908 in freier Atonalität komponierte, verbittert. Diejenigen, die Schönberg genauer kannten, ließen sich von seiner scheinbaren Kälte und seiner Aggressivitätt nicht beirren. "Schönberg war ein phantastischer Mensch", berichtet Rudolf Serkin weiter. "Ich liebte ihn. Aber ich konnte seine Musik nicht lieben. Ich sagte es ihm, und er hat es mir nie verziehen. Er meinte nur: "Es ist Ihre Sache, zu entscheiden, auf welcher Seite der Barrikaden Sie stehen wollen."
"Ich studierte eine Zeitlang Kompositionslehre bei ihm", fährt Serkin fort "Es ging ganz unförmlich zu, wir waren höchstens sechs oder sieben Schüler in der Klasse. Aber auch akademisch! Er lehrte uns den Kontrapunkt. Wir mußten Variationen über irgendein Thema schreiben. Einmal komponierte ich ein Rondo für Klavier. Er sah es an und sagte: "Serkin, ich werde alle die Teile, die Ihnen am besten gefallen, streichen." Serkin ahmte einen Mann nach, der eine riesige Schere handhabt. "Das tat er auch. Er strich alles Überflüssige, alles Dekorative weg. Er wollte nur das Essentielle. Für ihn war Komposition ein Handwerk, und jedes Einzelteil sollte möglichst gut gezimmert sein. Er pflegte Mendelssohns Trio in d-Moll als Beispiel eines schlecht geschriebenen Stücks anzuführen. "Aber es ist so schön", prostestierte ich. War er dagegen, weil es sentimental ist? Nein, wegen der Konstruktion. Er hielt das zweite Thema für falsch und einen Teil des Aufbaus für unproportioniert. Schönberg hatte eigentlich nichts gegen Gefühle. Er bemühte sich in all seinen Werken sogar um Emotion. Und ich glaube, er änderte schließlich auch seine Ansicht über Mendelssohn - "gar nicht so schlecht".
Otto Friedrich, Weltstadt Berlin - Größe und Untergang 1918 - 1933, Verlag Kurt Desch 1973, S. 168, 175 - 176
g a g a - 7. Januar 2022, 15:50
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