06. Januar 2022
"Ja, ich habe Nabokov damals gekannt", erzählt mir Michael Josselson. "Ich habe ihn auf dem Tennisplatz getroffen. Ich sehe ihn noch vor mir auf einem Tennisplatz in der Lietzenburger Straße, unweit vom Kurfürstendamm, wo wir damals wohnten. Er war ein ausgezeichneter Tennisspieler, und er war bereits bekannt als, nun, er war außerdem ein hervorragender Schriftsteller. Wir alle lasen die Kurzgeschichten und die Artikel, die er unter dem Namen Sirin schrieb. Die russische Kolonie Berlins war in den zwanziger Jahren recht groß - vielleicht fünfzigtausend, vielleicht auch mehr", sagt Josselson.
Wir sitzen Kaffee trinkend in seiner neuen, gegenüber einem Park gelegenen Wohnung in Genf. "Und es waren nicht nur Intellektuelle. Es war eine Welt für sich. Ärzte, Anwälte, Geschäftsleute. Aber Nabokov, Wie war Nabokov damals? Er sah sehr gut aus. Und war sehr nett. Wie er es auch heute noch sein kann, wenn er jemanden mag. Wollen Sie ihn aufsuchen? Er wohnt in Montreux, am anderen Ende des Sees. Es ist allerdings ziemlich kompliziert. Sie müssen zunächst beim Palace Hotel in Montreux anrufen, und dort wird man Ihnen sagen: "Bleiben Sie am Apparat", denn erst muß bei Vera, Nabokovs Frau nachgefragt werden. Immer sind diese beiden vermittelnden Stationen zwischengeschaltet. Manchmal zieht er sich auch nach Bex zrück, einem Kurort, etwa eine halbe Stunde von Montreux entfernt. Aber das werden Sie im Hotel erfahren."
Montreux ist ein wunderschöner Ort. Beete mit roten und gelben Tulpen ziehen sich am Ufer des Sees hin, und jenseits ragen die Berge der Alpen steil auf, deren Schneegipfel sich in der untergehenden Sonne rötlich und orange verfärben. Das Palace Hotel ist der höchste Patriarch unter den dortigen Hotels. Die mit weichsten Teppichen ausgelegten Korridore ziehen sich endlos hin, von den Balkons hat man nicht nur einen bezaubernden Blick auf den See, sondern auch auf den Hotelgarten, das Schwimmbad und die hauseigenen Tennis- und Golfplätze. Die Badehandtücher auf den Zimmern sind fast drei Quadratmeter groß. Der schwarz uniformierte Empfangschef aber beteuert, Vladimir Nabokov sei weder in Montreux noch in Bex, sondern in Sizilien, wo jetzt die beste Zeit zur Schmetterlingsjagd ist.
Wenn also nicht dort, in seinen Büchern ist das Phantom Nabokov immer zu finden, denn über die vierzehn Jahre seines Lebens in Berlin, um die es hier geht, hat er viel geschrieben -- und mehr noch vielleicht nicht geschrieben. "Blicke ich auf diese Jahre des Exils zurück", hat er einmal gesagt, "dann sehe ich mich und Tausende anderer Russen, wie wir damals ein seltsames, aber keineswegs unangenehmes Leben führten, ärmlich in materieller Hinsicht, geistig aber im Luxus, und das unter völlig unbedeutenden Fremden, geisterhaften Deutschen oder Franzosen, in deren mehr oder weniger ebenso geisterhaften Städten wir, die Emigranten, per Zufall wohnten. Diese Einheimischen waren vor dem geistigen Auge flach und durchscheinend wie aus Cellophan geschnittene Figuren (...)"

Otto Friedrich, Weltstadt Berlin - Größe und Untergang 1918 - 1933, Verlag Kurt Desch 1973, S. 92 - 94
Wir sitzen Kaffee trinkend in seiner neuen, gegenüber einem Park gelegenen Wohnung in Genf. "Und es waren nicht nur Intellektuelle. Es war eine Welt für sich. Ärzte, Anwälte, Geschäftsleute. Aber Nabokov, Wie war Nabokov damals? Er sah sehr gut aus. Und war sehr nett. Wie er es auch heute noch sein kann, wenn er jemanden mag. Wollen Sie ihn aufsuchen? Er wohnt in Montreux, am anderen Ende des Sees. Es ist allerdings ziemlich kompliziert. Sie müssen zunächst beim Palace Hotel in Montreux anrufen, und dort wird man Ihnen sagen: "Bleiben Sie am Apparat", denn erst muß bei Vera, Nabokovs Frau nachgefragt werden. Immer sind diese beiden vermittelnden Stationen zwischengeschaltet. Manchmal zieht er sich auch nach Bex zrück, einem Kurort, etwa eine halbe Stunde von Montreux entfernt. Aber das werden Sie im Hotel erfahren."
Montreux ist ein wunderschöner Ort. Beete mit roten und gelben Tulpen ziehen sich am Ufer des Sees hin, und jenseits ragen die Berge der Alpen steil auf, deren Schneegipfel sich in der untergehenden Sonne rötlich und orange verfärben. Das Palace Hotel ist der höchste Patriarch unter den dortigen Hotels. Die mit weichsten Teppichen ausgelegten Korridore ziehen sich endlos hin, von den Balkons hat man nicht nur einen bezaubernden Blick auf den See, sondern auch auf den Hotelgarten, das Schwimmbad und die hauseigenen Tennis- und Golfplätze. Die Badehandtücher auf den Zimmern sind fast drei Quadratmeter groß. Der schwarz uniformierte Empfangschef aber beteuert, Vladimir Nabokov sei weder in Montreux noch in Bex, sondern in Sizilien, wo jetzt die beste Zeit zur Schmetterlingsjagd ist.
Wenn also nicht dort, in seinen Büchern ist das Phantom Nabokov immer zu finden, denn über die vierzehn Jahre seines Lebens in Berlin, um die es hier geht, hat er viel geschrieben -- und mehr noch vielleicht nicht geschrieben. "Blicke ich auf diese Jahre des Exils zurück", hat er einmal gesagt, "dann sehe ich mich und Tausende anderer Russen, wie wir damals ein seltsames, aber keineswegs unangenehmes Leben führten, ärmlich in materieller Hinsicht, geistig aber im Luxus, und das unter völlig unbedeutenden Fremden, geisterhaften Deutschen oder Franzosen, in deren mehr oder weniger ebenso geisterhaften Städten wir, die Emigranten, per Zufall wohnten. Diese Einheimischen waren vor dem geistigen Auge flach und durchscheinend wie aus Cellophan geschnittene Figuren (...)"

Otto Friedrich, Weltstadt Berlin - Größe und Untergang 1918 - 1933, Verlag Kurt Desch 1973, S. 92 - 94
g a g a - 6. Januar 2022, 23:09