05. Oktober 2012

Spreebogen. Der siebzehnte März war vielleicht der erste Tag, an dem man, ohne Risiko zu spielen, ohne Schal vor die Tür konnte. Die Luft muss sehr mild gewesen sein. Ich habe mir zum ersten Mal das Elisabeth-Lüders-Haus aus der Nähe angeschaut, ohne hineinzugehen. Wie in einer Spielzeuglandschaft fahren die Ausflugsboote daran vorbei. Eigentlich müssten Playmobil-Männchen mit schwarzgelackten Prinz-Eisenherz-Frisuren drinsitzen. Keine blonden deutschen Touristen-Püppchen. So kleine Pärchen mit dunklem Pagenkopf. Japaner vielleicht - ja genau, Japaner könnten die Playmobil-Männchen spielen. Ich wäre bestimmt eine super Casting Direktorin geworden. Mir fällt eigentlich bei jedem, der mir entgegenkommt, die passende Filmrolle ein. Neulich habe ich durch die Scheibe von einem Fenster einen korpulenten Mann in einem Büro telefonieren sehen. Gegenüber von seinem Schreibtisch, der Richtung Fenster stand, war noch ein Schreibtisch mit einer jungen Frau. Ich glaube sie hatte einen blonden Pferdeschwanz und eine hochgeschlossene adrette Bluse an. Der Mann telefonierte und drehte sich dabei auf seinem Stuhl so ein bißchen nach Gutsherrenart hin und her. Er hätte sich eine Zigarre anstecken müssen, hat er aber nicht gemacht, was ich sehr schade fand. Es hätte ein original Fünfziger Jahre-Film mit Hans-Joachim Kuhlenkampff und Lilo Pulver sein können. Also nicht in dern Rollen von dem Mann und der Frau in dem Büro, sondern in weiteren Hauptrollen. Jedenfalls war der Dicke mit dem Telefon der Chef oder ein kleiner Abteilungseiter und die Blondine seine Stenotypistin. Also in meiner Phantasie. Sie hätte irgendwann das Diktat aufnehmen müssen und würde heimlich für den Sohn von ihrem komischen Chef schwärmen, was sie auch artig bei der Stange hält, den öden Job weiter zu machen, abgesehen vom kleinen Gehalt natürlich. Sie wäre ein bißchen rebellisch, innerlich, aber traut sich noch nicht so damit nach außen, weil sie ja in den Fünfziger Jahren gefangen ist. Sie tut mir ein bißchen leid. Bestimmt kriegt der alte Mann mit dem Telefon bald einen Herzinfarkt. Dann ist es vorbei mit "Fräulein Müller, bitte zum Diktat". Dann hat es sich ausgemüllert! Wenn der Alte dann tot ist, kommt heraus, dass sein Sohn gar nicht sein leiblicher Sohn war, sondern von einem heimlichen Geliebten seiner Witwe stammt, ihrer großen Liebe. Er schaut ihm auch gar nicht ähnlich, das hat sich Fräulein Müller schon immer gedacht, dass es doch komisch ist, dass so ein unangenehmer, etwas grobschlächtiger Mann so einen zartfühlend und kultiviert wirkenden Sohn hat. Aber nun ist das Rätsel gelöst und die blöden Fünfziger Jahre sind auch endlich vorbei. Die Sixties stehen vor der Tür und Fräulein Müller darf jetzt Hippie werden und ihr Haar lösen und die blöde gestärkte Bluse ausziehen und wilde Musik hören. Schon super, wie sich die Zeiten so ändern. Ein Glück. Fräulein Müller weiß noch gar nicht, dass jetzt immer alles noch besser werden wird, aber sie hat schon so ein Gefühl. Fräulein Müller ist zum Tanzen aufgelegt. Wenn das so weiter geht, müssen die Siebziger ja ein Knaller werden und erst die Achtziger. Das entzieht sich der Vorstellungskraft von Fräulein Müller, dafür muss sie wahrscheinlich erst mal ein paar Drogen und LSD ausprobieren. Ich glaube, ich höre jetzt auf, Fräulein Müller durch die Jahrzehnte zu jagen. Wenn sie wüsste, dass es am Ende des Jahrhunderts sogar Internet gibt, wird ihr schwindlig. Und das möchte ich natürlich nicht. Außerdem muss ich wie üblich immer noch völlig oldschoolmäßig schlafen, das wurde trotz der abgespacten Evolution hier leider immer noch nicht geregelt. Scheiße, 02:27 Uhr!!! - aber dafür wissen Sie jetzt beinah alles über Fräulein Müller.
g a g a - 5. Oktober 2012, 02:27