29. August 2026













Heringsdorfer Tagebuch Tag I. Nachdem der Bummelzug über die Peenebrücke bei Wolgast das Wasser überquerte, war ich auf Usedom und es kamen viele Orte, die ich schon einmal gehört hatte. Aber ehrlich gesagt erst, seit ich mich auf die Reise nach Heringsdorf einstimmte. Meine Haltestelle war Seebad Bansin. Zwei starke Männer halfen, meine schwere Reisetasche von der oberen Ablage nach unten zu wuchten, sehr charmant. Auch für sie war es kein Kinderspiel. Ich hatte auch Schwierigkeiten, die Tasche nach oben zu bekommen, aber schaffte es allein, da waren die netten Herren noch nicht im Abteil. In der schweren Tasche waren alle meine marineblau und weiß gemusterten Anziehsachen und die Kosmetiktasche mit allem, was man so braucht. Ich copypaste nun einen Kommentaraustausch, der gestern unter einem Eintrag zu einem Kleid meiner Garderobe stattfand:

Christoph M.
Ich hoffe sehr, dass sich ein entsprechender Anlass ergibt – bei all den Menschen in Funktionskleidung! Ansonsten mach dir deinen eigenen Sundowner-Event.

Gaga Nielsen
Ich erschaffe den Anlass…! 😃Habe die Idee, dass ich das Kleid entweder zum Geburtstag anziehe, wenn ich die abendliche Dinner-Tour mit 3-Gänge-Menü mit dem alten Segelschiff „Weiße Düne“ mache oder zu einem anderen abendlichen Essen in einem der richtig guten Restaurants, wie zum Beispiel im „Blauen Salon“ in Ahlbeck.

Funktionskleidung hat in dieser Sommerfrische in Heringsdorf keinen Platz. Bin auch guter Hoffnung, da ich gerade eben, beim Aussteigen am Bahnhof Bansin eine Dame sah, die ebenfalls ausstieg und deren Garderobe komplett mit meiner Reisegarderobe korrespondierte. Sie trug eine marineblaue Jeans, eine weiße, hochgeschlossene Bluse mit gestärktem, spitzen Hemdkragen (wie Karl Lagerfeld) und über der Bluse einen feinen, marineblauen Sommerpullover. Über der Schulter eine geflochtene Tasche, wie man sie aus Südfrankreich kennt. Sie bewegte sich sehr souverän, als ob sie dort zuhause ist. Und voilà: als ich im Taxi von Bansin nach Heringsdorf fuhr, kreuzte sie wieder unseren Weg und sie winkte dem Taxifahrer familiär zu und er winkte zurück. Ich sagte: „Ah! Man kennt sich!“ Er „Das ist hier ein kleines Dorf, da kennt man sich!“ 🙂


Danach, als ich zum ersten Mal durch Heringsdorf spazierte, fiel mir ein, dass ich in gewisser Weise ja auch Kleidung mit Funktion trage. Passend zum Anlass und zum Wetter und zusätzlich auch noch unter Berücksichtung repräsentativer Funktionalität gewählt. Zum Beispiel hat Kaiser Wilhelm II. seinen Uniformen-Tick in Heringsdorf ausgelebt. Er sammelte nämlich Uniformen aus aller Herren Länder und von Regimentern, mit denen er als preußischer Regent gar nichts zu tun hatte. Er war also immer fesch in Heringsdorf! Und darauf kommt es doch letzlich an, dass man den herrlichen alten Villen für die Sommerfrische, von denen ich nun schon einige sehen durfte, keine Schande macht!

Aber zurück zu meiner Ankunft. Wenn ich es nicht festhalte, macht es keiner. Am Bahnsteig "Seebad Bansin" wartete ein einziges Taxi, als hätte ich es bestellt. Kein anderer wollte es haben. Der bereits erwähnte Taxifahrer, einheimisch aus Wolgast stammend, lebt seit vierzig Jahren in Bansin oder Heringsdorf, er hat nämlich eine gebürtige Heringsdorferin geheiratet, die noch auf der Insel geboren wurde. Heute gibt es keine Kliniken mehr auf Usedom und damit auch keine Geburtskliniken. Auf Sylt ist es ebenso, kein Kind wird mehr dort geboren, es sei denn, es wäre eine spontane Hausgeburt, was vermutlich selten vorkommt.

Der nette Fahrer nahm nur Bargeld, ich gab ihm mein letztes, haute gerade hin. Ein Zwanzig-Euro-Schein und noch ein paar Münzen für Trinkgeld waren in meinem Portemonnaie, ich fragte ihn gleich nach einem Geldautomaten, er wußte keinen in der Nähe, wo mein Ziel war. Ich behielt im Hinterkopf, später bei Edeka Geld zu kaufen, falls noch häufiger nur Bargeld gewünscht sein sollte.

Unser erster Halt mit dem Taxi war die Ferienhaus-Vermietungs-Agentur, die an einer verkehrsreichen Straße in Bahnhofsnähe lag, in der Ahlbecker Chaussee. Dort stieg ich aus und war überrascht, wie schick und durchgestylt hinter eine Abtrennung mit Seegräsern und geschmackvollen, hellen Rattan-Lounge-Möbeln mit vielen Kissen, die ziemlich große Agentur Usedom Travel untergebracht war. Man kann da auch etwas trinken und es gibt auch eine Boutique, für was genau, weiß ich nicht mehr, eventuell Dekosachen. An einem Counter, der frei war, wurde ich nett zum Sitzen aufgefordert und die Mitarbeiterin erklärte mir zügig, was es mit der Kurkarte, der Usedom Card auf sich hat, und dass sie mir anbietet, dass ich den Schlüssel, wenn ich wieder abreise, einfach auf den Küchentisch legen kann, dann müsste ich nicht noch mal herkommen. Sehr erfreulich, ein Umstand weniger! Ich bedankte mich und ging zurück zum Taxi und wir fuhren nach Heringsdorf.

Meine kleine Wohnung hat einen Fahrstuhl, der direkt vor der Eingangstür im dritten, obersten Stock der Villa Seestern hält. Eine feine Sache, vor allem mit Gepäck. Da ich vor der Übergabezeit da war, hatte ich mit der Mitarbeiterin abgesprochen, dass ich mit der Putzfee verabrede, ob ich schon rein kann, oder ob sie noch ein Weilchen brauchen. Als ich aufsperrte, war keiner da. Es sah ordentlich und sauber aus, aber im Schlafzimmer war das Bett nicht gemacht, man sah, da hatte jemand drin geschlafen. Also waren sie wohl noch nicht fertig und kämen bestimmt noch, um die Betten zu machen. Ich nahm mir ein Glas Wasser und setze mich auf einen der beiden Balkone, der auf der Sonnenseite ist, Richtung Hinterland und staunte, was für einen weiten Blick ins Grüne ich habe. Sogar ein grasendes Pferd konnte ich in der Ferne erkennen, so weit das Auge reicht, grüne, unberührte Landschaft, wie ein Naturschutzgebiet. Das hatte ich auf der Karte gar nicht gesehen, da war nicht so viel Grün direkt hinterm Haus eingezeichnet. Hinter dem Grün am Horizont muss wohl ein See sein, der zu Bansin gehört. Ich bin nämlich gerade noch in Heringsdorf, aber kurz vor der (nicht markierten) Grenze zu Bansin. Ich bloggte einen kleinen Eintrag und hörte, wie sich der Schlüssel der Eingangstür dreht, das musste die Putzfee sein. Ich erklärte, dass ich der nächste Gast bin und schon den Schlüssel hätte und fragte, ob es recht sei, wenn ich auf dem Balkon warte, so lange sie zu tun hat. Es war recht und ich musste dann noch etwas warten, eine knappe Stunde, aber die Sonne schien ja.

Als alles erledigt war, alles durchgewischt und frisches Toilettenpapier hinterlegt, frische Handtücher fein auf dem gemachten Bett gefaltet bereitlagen, begann ich meine Siebensachen auszupacken, das war mir nun das erste Anliegen, mich heimelig einzurichten, was eine Weile dauerte. Lampen anders hingestellt, einen komisch aussehenden Stuhl im Schlafzimmer mit einem schönen aus der Küche ausgetauscht, Kleiderschrank schön eingeräumt, Filterkaffee-Maschine weggepackt, einige Dekosachen im Schlafzimmer (getöpferter Leuchtturm etc.) in einen der Schränke gestellt. Ich hatte nun langsam Hunger und der Kühlschrank war leer, zum Glück hatte ich als einzigen Proviant vier hartgekochte Eier mitgenommen und eine Packung gesalzene Maiswaffeln. Salz war im Schrank, auch eine Pfeffermühle, sonst nur Geschirr, Besteck, Gläser, Zubehör.

Ich machte mich frisch und diese ersten Fotos. Die Sonne war schon weg, nach neunzehn Uhr. Nun wollte ich einkaufen gehen, zum Heringsdorfer Edeka, die Lage hatte ich mir auf einem ausgedruckten Ortsplan-Ausschnitt eingezeichnet. Habe mich dann ein klein wenig verlaufen, aber schön verlaufen. In einer Ecke waren ganz viele Reethäuser, wie in Kampen, hat mich überrascht. Aber viel sehenswerter waren die Villen, die ich bereits gesehen hatte, schon alleine in meiner Maxim-Gorki-Straße. Ich war angetan. Das Herumlaufen gefiel mir und ein Einheimischer half mir wieder den Weg zum Edeka zu finden. Ein Aldi ist gleich daneben, der riesigste Aldi, den ich je gesehen habe, ich war nicht drin. Und der Edeka ist auch unfassbar groß, spektakulär. Und wahnsinnig gut sortiert und gepflegt. Das sind die meisten Edekas, aber der besonders. Im vorderen Bereich ist ein künstlicher Baum, aus dem am laufenden Band Vogelgezwitscher kommt. Ansonsten war dezente Harfenmusik zu hören. Ein wirklich sehr besonderer Edeka. Ich kaufte, was ich so brauchte, musste aber Abstriche machen bei einem Becher Biosahne, den es nicht gab, weil vergriffen. Die anderen Sahnesorten waren noch ausreichend da. Außerdem packte ich in mein Körbchen Butter, Eier, Joghurt, Käse, Mayonnaise, Senf, Gürkchen, Salami, Äpfel, Weintrauben, Johannisbeeren, Mais-Amaranth-Waffeln, eine Flasche Tonic, zwei große Flaschen Jever und zwei Flaschen guten Schaumwein. Ich nahm extra ein Körbchen, weil ich wusste, was da gerade so reinpasst, kann ich noch tragen, mit der Ladung eines Einkaufswagens würde ich mich übernehmen. Der Gepäcktransport am Vormittag hat mir schon wieder gereicht und mein Muskelkater von der Elbsandsteinwanderung war auch gerade erst weggegangen.

Mit meinen zwei gut gefüllten Stoff-Einkaufsbeuteln und der vollgepackten Umhängetasche machte ich mich auf den Heimweg, es dämmerte. Wieder sah ich wunderschöne Anwesen mit historischen, gut erhaltenen Sommervillen von Anno Dazumal, aber auch Bungalows, verschieden Baustile. Nur wenige Menschen kamen mir auf den Wegen entgegen. Den Heimweg fand ich leicht, ohne jemanden zu fragen oder auf den Plan zu gucken, er ist eigentlich ganz einfach. Ich räumte meine Sachen in den Kühlschrank und drehte ihn stärker auf, damit der gute Schaumwein richtige Temperatur bekommt. Im TV gab es die NDR Talkshow, die ich nebenher laufen ließ, während ich die Fotos guckte. In der Show waren u. a. Ute Lemper und Esther Schweins, bei denen ich interessiert studierte, wie sie so rüberkommen, als Altersgenossinnen. Also mehr oder weniger. Schweins ist jünger als ich, Lemper älter. Ich überlegte kurz, ob ich den Wecker auf fünf Uhr stellen soll, um den Sonnenaufgang am Strand zu sehen, der ist nämlich sehenswerter als der Sonnenuntergang, weil Heringsdorf nicht an der Westküste liegt. Aber dann spürte ich doch die Müdigkeit und nahm mir vor, es ruhig anzugehen, lieber auszuschlafen und entspannt zu sehen, dass ich zeitig zur Filmvorführung in der Villa Irmgard um 13 Uhr ausflugsbereit bin.

Während ich das jetzt schrieb, saß ich wieder auf dem Balkon wie gestern, die Sonne kommt jetzt ganz warm raus. Heute war ich dann also beim ersten Ausflug, vier Villen weiter in meiner Straße, in der Villa Irmgard, in der Maxim Gorki ein paar Sommermonate wohnte und dem dort einige Museumsräume gewidmet sind. Es gab in der ersten Etage einen Film über Lionel Feininger und seine Sommer auf Usedom. Danach bin ich an den Strand, der Strandzugang ist sehr nah, so nah bin ich noch nie am Wasser untergekommen. Ich schlüpfte aus den Schuhen und ging barfuß durch den Sand ans Meer, ins Wasser. Hatte mein Kleid an und keinen Badeanzug darunter, es war auch etwas kühl. Aber als ich eine Weile lief, das Wasser bis zu den Knien, kam es mir fast lau vor. Ich machte ein paar Bilder und ging dann wieder zurück in meine Villa Seestern, um neue Pläne für den Nachmittag zu machen. Inzwischen war es bewölkt. Ich fing an, das hier zu schreiben und nun ist die Sonne wieder herausgekommen und die Wolken sehen fast schon fedrig aus. Ich gehe noch mal los und ziehe mir den Badeanzug unters Kleid. Für alle Fälle. Und ein Tuch zum Hinlegen nehme ich mit und das neue Bargeld für ein Eis.





g a g a - Sa, 29. Aug, 23:49

Lydia Gebel
Aufregend! – klingt ja nun doch nicht angestaubt. Als wir damals mit dem Rad oben waren, sind wir dann auch viel zu schnell durch alle Seebäder gerast. Und ich hatte kaum mal ne halbe stunde, um in ein bisschen inmitten der Villen zu schlendern…

Auch mit dem Akkordeon-Orchester waren wir damals in Ahlbeck oder Heringsdorf. Aber ich erinnere mich, die Sommer und das Baden dort als grausam kalt empfunden zu haben.

Wir haben dort übrigens Konzerte mit dem Akkordeon Orchester in den Muschelbühnen gegeben, die es dort noch überall geben müsste.

Huch, was doch alles so hoch kommt 😉

Erste Geburtswehen veratmend lese ich gespannt mit 😍

Gaga Nielsen
Soeben komme ich von einem langen Abendspaziergang durch das anheimelnd beleuchtete Heringsdorf zurück. Es ist ein Schatzkästchen mit sehr viel Charme und Atmosphäre. Dir werden die Augen übergehen, wenn Du die Bilder siehst. Sind sehr, sehr viele. Braucht Zeit und Muße, die Eindrücke zu verarbeiten, profan und mental. Ich hatte ein Abendessen am Ende der Heringsdorfer Seebrücke, wo hoch über dem Meer ein Restaurant ist. Die Lage der Seebrücke im 90-Grad-Winkel zur Küste erlaubt, dass man doch den Sonnenuntergang mit Sicht auf das Meer genießen kann.

Es gab eine hervorragende, frische Scholle mit Rosmarinkartoffeln und buntem Salat und ein frisches Warsteiner vom Faß. Danach noch einen Krokanteisbecher. Zufällig war gerade der schönste Platz, ein blauweiß-gestreifter Strandkorb frei, von dem man den idealen Ausblick auf den Sonnenuntergang hatte.

Als die Sonne gesunken war, begann auf einer riesigen Kinoleinwand, ein Monitor, der direkt im Strand verankert ist, eine Open Air-Kino-Verführung, bei denen die Gäste in Klappliegen sitzen und den Ton über Kopfhörer bekommen. Die sich im Meer spiegelnden Kinofilmbilder waren ein toller Effekt.

Heute ist ein lauer Sommerabend in Heringsdorf, ich hatte bis die Sonne untergegangen war, nur mein ärmelloses, gestreiftes Kleid an. Danach ein mäanderner Heimweg an vielen einladenden Lokalen vorbei, Draußen vor dem noblen Hotel Kaiserhof, gab es eine mobile Champagnerbar und einen DJ, es wurde zu Elektrobeats genippt und gewippt. In den ruhigeren Ecken, auf dem Weg zurück, besonders auf dem hügelig gelegenen Weg „Am Kulm“, hörte ich immer wieder Möwenschreie und Grillen-Zirpen. Habe noch niemals vorher Grillen irgendwo in Deutschland gehört. (Oder habe ich es vergessen…?)

Die alten Villen im indirekten Licht der Nacht waren so beeindruckend. Ich konnte nicht mehr aufhören zu fotografieren. Der andere Balkon, den ich habe, geht zur Meeresseite und ich sehe die Bäume der Strandpromenade und dazwischen das Meer glitzern, aber der Balkon, der eher eine große Terrasse ist, hat keine Sonne – oder nur, wenn ich noch schlafe 🙂

Jedenfalls kann ich unfassbar viele Radler über diese Strandpromenade radeln sehen und sie blicken nicht nach links und rechts, als wäre alleine der willkommene Fahrtwind das Erlebenswerte. Sie versäumen unendlich viel. Das sind Wege und Gassen und Winkel zum Flanieren, nicht zum Durchjagen. Es tut mir leid für Dich, dass Du das nicht mit der gebotenen Langsamkeit erleben konntest. Ich schaue jetzt mal die Bilder durch und sende liebe Grüße aus der Villa Seestern zu Dir nach Berlin . ❤

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